Wenn Sieger danke sagen… ad-hoc-Preisträger 2012

Stephen Horne und Günter A. Buchwald heißen die diesjährigen ad-hoc-Preisträger der Internationalen Stummfilmtage Bonn. Ersterer wird den Siegerfilm noch einmal im Rahmen des Beethovenfestes Bonn am 13.9. um 20 Uhr in der Post Tower Lounge live begleiten. Hier ihre Dankesworte an Publikum und Jury:

Dankesworte Stephen Horne – ad-hoc-Preistäger 2012 (Hauptpreis)

 

After having won the silver medal last year, for NAIL IN THE BOOT, I didn’t expect the honour to be repeated twice in a row. So it’s especially delightful to be awarded the gold for ROTAIE. I apologise for the Olympics references, it’s just that we’re a bit obsessed here in London this year!/ /Rotaie is a film that touched my heart when I first accompanied it in San Francisco two years ago. More recently I had the opportunity to play for it in Bologna, where it struck me that the dilemma of the central couple is particularly resonant in this time of economic hardship./ /I’d like to thank the judging panel, the Beethovenfest Bonn, Sigrid Limprecht and her team at the Sommerkino, who manage to combine professionalism with friendlessness – which I can confirm is not always the case at film festivals! And finally I’d like to acknowledge Stefan Droessler, who gave me my first opportunities in Germany and who is undoubtedly one of the greatest film programmers in the world./

Übersetzung: Nachdem ich im letzten Jahr die Silbermedaille für NAGEL IM STIEFEL gewonnen habe, habe ich nicht erwartet, dass mir gleich zwei Mal nacheinander eine solche Ehre zuteil wird. Daher freut es mich besonders, nun für SCHIENEN Gold zu gewinnen. Ich entschuldige mich für die Anspielungen auf die Olympiade; es ist nur so, dass wir hier in London dieses Jahr alle völlig besessen davon sind.Der Film SCHIENEN hat mich sehr berührt, als ich ihn vor zwei Jahren in San Francisco zum ersten Mal begleitete. Vor Kurzem hatte ich in Bologna die Möglichkeit, ihn noch einmal zu begleiten. Da wurde mir klar, dass das Dilemma des Liebespaars im Zentrum dieses Films gerade in unserer wirtschaftlich schwierigen Zeit wieder besonders an Bedeutung gewinnt. Ich möchte der Jury danken, dem Beethovenfest Bonn, Sigrid Limprecht und ihrem Team hier beim Sommerkino, dem es immer gelingt, Professionalität und Freundlichkeit zu kombinieren – was nicht bei allen Filmfestivals der Fall ist, wie ich aus eigener Erfahrung weiß! Und schließlich möchte ich Stefan Drößler sehr herzlich danken, der mir die ersten Auftritte in Deutschland ermöglichte und der ganz ohne Zweifel einer der großartigsten Kuratoren in der Welt des Films ist.

Intstummfilmtage_arkadenhof_blog

Dankesworte Günter A. Buchwald – ad-hoc-Preistäger 2012 (Sonderpreis)

 

Wie ich gehört habe, bekomme ich den diesjährigen Sonderpreis. Das ist schon ein besonderer Preis, denn es ist ja eigentlich kein normaler Wettbewerb. Ich zum Beispiel habe beim Spielen völlig vergessen, dass es um einen Preis ging. Das ist auch gut so, denn wir Stummfilmmusiker haben hauptsächlich das Anliegen, jeden Film so zu begleiten, dass das Publikum etwas davon hat. Gefühl und Verstehen und Farbe, und alles, was Kino ausmacht. Der Preis ist also auch ein Dank, dass wir allesamt in der Regel dies so gut machen, dass es überhaupt preiswürdig ist, und dass es in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

 

Danken möchte ich zuerst der Jury. Mein Gott, so viele Abende sitzen, 23 Kilometer Film anschauen und 2 Millionen, 365 Tausend und eine Klaviernote, Violingedudel und Akkordeonakkorde filtern und beurteilen… wahrlich kein einfacher Job. Ich empfehle eine Woche Friede den Ohren, oro pax, oder einfach eine Insel. Alle gute Musik kommt ja aus der Stille und geht da auch wieder hin. Danken möchte ich dem einzigartigen Publikum, das anspornt, jedes Mal so gut zu spielen wie man kann, und dass es jedes Jahr so zahlreich kommt und schon versprochen hat, dies nächstes Jahr wieder zu tun. Dank auch dem Team um Stephan und Sigrid und Rüdiger und Anja und Philipp und Peter und Franziska und den anderen, also allen zusammen, die jedes Jahr dieses Festival organisieren, allen Widernissen trotzend.

 

Danke nochmals. See you next Year.

Advertisements

„Ad-hoc-Preis“ beim Bonner Sommerkino – and the winner is…

Zehn Abende und zwanzig Filme – zwischen 77 und 110 Jahren alt – aus neun Nationen, sieben Musiker und zwei Sprecher sowie Stummfilme mit einer Gesamtdauer von mehr als 21 Stunden – das war die Herausforderung, der sich die Jury für den „Ad-hoc-Preis“ des Beethovenfestes Bonn für die beste Livemusikdarbietung bei den Internationalen Stummfilmtagen Bonn 2012 (28. Bonner Sommerkino) zwischen dem 16. und 26. August gestellt hat. Benjamin T. Hilger, Jury-Mitglied und Dramaturgieassistent beim Beethovenfest, stellt fest:

So unterschiedlich wie die Filme gestalteten sich auch die musikalischen Darbietungen – von der effektreichen Schlagwerkbegleitung bis hin zum abwechslungsreichen Spiel auf drei Instrumenten. Bei dieser Vielfalt eine Auswahl zu treffen, war keine leichte Aufgabe.

Blog3

 

Deshalb haben sich meine Jurykollegen Judith Nordbrock, Michael Jurich und ich uns dazu entschlossen, das Preisgeld des diesjährigen „Ad-hoc-Preises“ zu teilen: Den Hauptpreis in Höhe von 1500 Euro erhält Stephen Horne für die musikalische Begleitung des Films Schienen aus dem Jahr 1929. Der Film wirkt vor allem durch die feinfühlige Schilderung der Psyche der Figuren und durch die facettenreichen Stimmungen, die in der Musik von Stephen Horne ihre Entsprechung in atmosphärischen Klanglandschaften fanden. In zarten und leisen Töne, die bis ins Geräuschhafte gesteigert und im Wechsel und gleichzeitig auf Klavier, Flöte und Akkordeon erzeugt wurden, unterstrich oder kontrastierte Horne die Bilder und verlieh ihnen eine zusätzliche Dimension. Stephen Horne wird Schienen am 13. September 2012 im Rahmen des Beethovenfestes Bonn in der Post Tower Lounge erneut musikalisch begleiten.

Einen Sonderpreis in Höhe von 500 Euro vergab die Jury an Günter A. Buchwald für seine Vielseitigkeit, die sich nicht nur in der Unterschiedlichkeit der von ihm begleiteten Filme zeigte, sondern auch im virtuosen Umgang mit seinen Instrumenten Klavier, Violine und Viola. Buchwald begeisterte durch stilistische Vielfalt, breite musikalische Kenntnisse und eine besondere Kreativität, die besonders die Musiken zu Drei ehrliche Banditen und Ein Tag in 100 Jahren mit überraschenden Zusatzeffekten bereicherte und zu begeisternden Stummfilmerlebnissen machte.

Wir danken allen übrigen Teilnehmern: den Pianisten Joachim Bärenz, Richard Siedhoff und Neil Brand, den Perkussionisten Christian Roderburg und Anja Wegmann sowie Viola von Loewis of Menar und Norbert Alich als Filmerzähler. Sie alle haben mit ihren abwechslungsreichen Beiträgen der Jury und dem Publikum bei fast immer hervorragenden Wetterbedingungen im Innenhof der Universität ein unvergessliches Sommerkino beschert.

Blog2

Bonner Sommerkino: Ein Jury-Mitglied berichtet…

Benjamin T. Hilger (Dramaturgieassistent beim Beethovenfest Bonn 2012)  ist Mitglied der Jury des „Ad-hoc-Preises“ bei den gerade laufenden Internationalen Stummfilmtagen. Hier berichtet er von einer spannenden Woche:

Zum zweiten Mal vergibt das Beethovenfest Bonn in diesem Jahr den „Ad-hoc-Preis“ für die beste Livemusikdarbietung bei den Internationalen Stummfilmtagen Bonn 2012 (28. Bonner Sommerkino). An zehn aufeinanderfolgenden Abenden versuchen die eingeladenen Stummfilmspezialisten im Innenhof der Universität dem Film das zu geben, was ihm in seinen Anfängen fehlte: Ton, Sprache und Musik. Mit 2000 Euro und einem Auftritt im Rahmen des Beethovenfestes Bonn am 13. September 2012 in der Post Tower Lounge werden der oder die Künstler geehrt, dem oder denen dies am eindrucksvollsten, am bewegendsten, am virtuosesten oder – ganz im Sinne des diesjährigen Beethovenfest-Mottos – am eigensinnigsten gelingt.

Mit meinen Jurykollegen Judith Nordbrock aus Köln und Michael Jurich aus Saarbrücken sitze ich nun schon seit einer guten Woche jeden Abend zusammen mit mehreren hundert Besuchern im zumeist vollbesetzten Innenhof der Universität (den bislang kein Regentropfen berührte!) und tauche ein in die faszinierende Welt des Stummfilms, der weder so stumm ist, wie der Name sagt, noch so schwarz-weiß, wie man gern vermutet.

Interessante Dinge sind da zu sehen: ein gekonnt mit Lehmziegeln jonglierender Charlie Chaplin (Lohntag), eine beklemmende Dokumentation über die Situation der einfachen Bevölkerung in der Weimarer Republik mit einer berührenden Geschichte über das Schicksal einer Familie (Mutter Krausens Fahrt ins Glück), ein zum Brüllen komisches Komikerpaar, welches eine Schmugglerbande zur Strecke bringt (Pat und Patachon als Polizisten), ein knallbunt handkolorierter Film, der vor 110 Jahren (!) gedreht wurde (Die phantastische Reise nach dem Monde), die herrlich erzählte und kunstvoll gefilmte Dokumentation über die olympischen Winterspiele von 1928 (Das weiße Stadion) und ein liebenswerter Western über drei Pferdediebe, die einer jungen Frau in Not tragisch zum Glück verhelfen (Drei ehrliche Banditen) und vieles, vieles mehr.

So abwechslungsreich und vielseitig sich die Filme bisher zeigten, so waren auch die musikalischen Beiträge von Joachim Bärenz (Klavier), Stephen Horne (Klavier, Flöte, Akkordeon), Günter A. Buchwald (Klavier, Violine, Viola), Neil Brand (Klavier), Richard Siedhoff (Klavier) sowie Christian Roderburg und Anja Wegmann (Schlagzeug) – letztere die Gewinner des ersten „Ad-hoc-Preises“ bei den Bonner Stummfilmtagen 2011. Zu den teilweise auf zwei Instrumenten gleichzeitig improvisierenden Musikern kamen an zwei Abenden die Stimmen von Norbert Alich und Viola von Loewis of Menar, die – einer alten Tradition folgend – als Filmerzähler agierten und die Handlung der stummen Filme mit Sprache, Witz und Leben erfüllten.

Bei dieser Vielfalt wird uns als Jury die Entscheidung schwer fallen. Noch ist alles offen, noch sind nicht alle Filme gesehen und die letzten Noten noch nicht gehört. Doch dann wird es ihn geben, den zweiten Gewinner des „Ad-hoc-Preises“ des Beethovenfestes Bonn bei den Internationalen Stummfilmtagen 2012. Wir sind alle gespannt, wem diese Ehre zuteil werden wird!

Arkadenhof_unten

© Tina Behrendt