Tweetup-Blogging Teil 3: Beethoven-Symphonien 1 bis 3 – Revolution einer musikalischen Gattung

Collage Beethoven Napoleon

Beethoven und Napoleon

Was alle Symphonien Beethovens gemeinsam haben, ist ihre uneingeschränkte Aktualität. Über 200 Jahre sind vergangen, aber nach wie vor berühren Beethovens visionäre Symphonien Menschen weltweit. Am 7. September wird das City of Birmingham Symphony Orchestra mit Andris Nelsons als ersten Teil des Beethoven Symphonien-Zyklus die Symphonien 1 bis 3 präsentieren. Das Bonner Publikum darf gespannt sein auf eine anspruchsvolle und höchst virtuose Interpretation.

Beethoven war gerade 30 Jahre alt, als er seine 1. Symphonie (C-Dur op. 21) im Jahr 1800 vollendete. Sie fällt damit in seine erste Schaffensperiode und ist seinem Förderer Baron Gottfried van Swieten gewidmet. Schon die ersten Takte der 1. Symphonie lassen erahnen, dass hier bewusst mit der Irritation des Hörers gespielt wird. Beethoven hatte es nach dem Erscheinen der jüngsten Symphonien Haydns und Mozarts nicht leicht sich abzugrenzen, mit seinem innovativen und einzigartigen Kompositionsstil gelang es ihm jedoch von der 1. Symphonie an die Gattung zu revolutionieren. Besonders die Einleitung gilt noch Jahre nach der Uraufführung als Geniestreich. Orchestergruppen werden gegeneinandergesetzt und erzeugen so die dynamische Grundstimmung. Motivisch-thematisch geht Beethoven neuartig vor und bricht mit dem Hörverständnis der Zeit, behält aber etablierte Kompositionstechniken vorerst teilweise bei.

Mit seiner 2. Symphonie (D-Dur op. 36) findet Beethoven noch weiter zu seinem eigenen Stil. In nur zwei Jahren entwickelt er seine Technik weiter und arbeitet stark mit Kontrasten. So stehen sich starke und dynamische Unterschiede, energische und lyrische Passagen gegenüber. Der Einfluss der Wiener Klassik ist stilistisch erkennbar, gleichzeitig lässt sich bereits die dramatische Konzeption Beethovens finden. In die Zeit der Komposition der 2. Symphonie fällt Beethovens beginnende Ertaubung. Ob Lebensfreude und Euphorie des ersten Satzes der Symphonie auf eine mögliche Heilung seines Leidens zurückgeführt werden kann, ist in Fachkreisen umstritten.

Die 3. Symphonie (Es-Dur op. 55) trägt den Titel »Sinfonia eroica« und ist 1803 fertig gestellt worden. Ferdinand Ries sagte über die Eroica: »Beethoven spielte sie mir neulich und ich glaube Himmel und Erde muß unter einem zittern bei ihrer Aufführung.«(Brief an Simrock vom 22.10.1803). Die Ausmaße der Eroica, aber auch ihre kompositorische Komplexität und Originalität reißen einen jeden Hörer mit sich. Um die intensive Auseinandersetzung mit der dritten Symphonie kommt man also nicht herum, ein unbeteiligtes Zuhören lassen die Klangwelten von Beethoven nicht zu. Auf der Suche nach der Geschichte hinter der Symphonie stößt man zwangsläufig auf einen nicht unbekannten Franzosen: Napoleon Bonaparte, dem die Symphonie zunächst mit den Worten »Heroische Symphonie, komponiert, um die Erinnerung an einen großen Mann zu feiern« gewidmet war. Besonders das Trauermarschthema des zweiten Satzes lässt Bezüge auf die heroische Preisung eines »großen Mannes« zu. Allerdings nahm Beethoven im Jahr 1804 nach der eigenhändigen Krönung Napoleons zum Kaiser die Widmung enttäuscht wieder zurück. Interessanterweise ändert er die Symphonie selbst aber nicht, so dass sich Anklänge der französischen Revolutionsmusik mit ihren Ideen der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit finden lassen.

»DER HIMMEL WEISS, WIE ES WEITERGEHEN WIRD!« (Beethoven) Nr. 5

WEISS ER DAS?  Fragen zu Ludwig van Beethovens Oper »Fidelio« von Jan Müller-Wieland

Beethoven: »Schade, daß ich die Kriegskunst nicht so verstehe wie die Tonkunst, ich würde ihn (Napoleon) doch besiegen.« Spüren Sie diesen Furor in der Musik? Oder wäre das zu einfach?

Detlef Roth: Den Furor spürt man in Beethovens Musik immer – man schaue sich die Autographen an: Bei Beethoven wirkt alles »Entstehen« wie ein Kampf. Napoleon war in jenen Tagen politisch sicher das Mass aller Dinge, er wirkt ja bis heute noch in unser tägliches Leben hinein (siehe z. B. BGB), Beethoven tut das auf seine Weise ebenfalls (siehe neunte Symphonie – Europahymmne). Mir persönlich sind (vor dem Hintergrund meiner Generation und des Glückes immer im Frieden gelebt zu haben) kriegführende Menschen eher unsympathisch und ich bin froh, dass Beethoven bei seinen »Leisten« geblieben ist.

Evgeny Nikitin: Wie jedem Künstler war Beethoven Selbstüberschätzung, Eitelkeit und Egozentrismus nicht fremd, das hat er mit vielen Genies gemeinsam. In der Musik würde ich seine Figur eher mit Friedrich dem Großen vergleichen. Ob er aber Napoleon besiegt hätte, wenn er gegen ihn hätte kämpfen müssen, halte ich für sehr fraglich.

Beethoven: »Der Himmel weiß, wie es weitergehen wird!  Welch ein zerstörendes, wüstes Leben um mich her! Nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend in aller Art!« Ist – gemessen an dieser Verzweiflung – »Fidelio« nicht geradezu auch eine Art Groß-Pastorale mit Singstimmen?

Detlef Roth: Ich finde, dass durchaus harsche musikalische Elemente im »Fidelio« zu finden sind – außerdem halte ich es keineswegs für widersprüchlich, wenn sich auch ein Komponist in schwierigen Zeiten auf menschliche Ideale besinnt und konzentriert – ein Ideal propagiert. Gesellschaftskritik gibt es im »Fidelio« zur Genüge, die Sehnsucht nach einer besseren Welt (vielleicht auch häuslicheren Welt als Keimzelle und Ruhepol) scheint mir durchaus nachvollziehbar und menschlich. Der Begriff »Groß-Pastorale« ist mir zu negativ belegt.

Evgeny Nikitin: Einverstanden. Das ist eher eine Abkehr von der Realität, ein Rückzug in die Verklärung menschlicher Beziehungen, ein Sieg der Gerechtigkeit, Triumph des Lichtes über die Dunkelheit etc. So wurde aus den Schrecken des Krieges, aus Blut und Gewalt eine neue Epoche geboren – die Romantik, deren Schlüsselfigur Beethoven ist. Realitätsnäher sind seine Symphonien und Sonaten.

Aus der Schatztruhe #11 – Ein Trick, der für Verwirrung sorgt

Napoleon Bonaparte_Jacques-Louis_David_1812
Napoleon in seinem Arbeitszimmer (Gemälde von Jacques-Louis David, 1812)

„[…] ich habe jetzt mehrere werke, und eben des wegen, weil ich sie gesonnen bin, Alle ihnen dieselben zu überlassen, würde mein Wunsch, dieselben bald ans Tages licht kommen zu sehen, vielleicht um desto eher erfüllt können werden – ich sage ihnen daher nur kurz, was ich ihnen geben kann: […] eine Neue große Simphonie […].“
(Beethoven an Breitkopf & Härtel in Leipzig, Wien am 26. August 1804)
Die »Eroica« – Beethovens dritte Symphonie – entstand während des Jahres 1803 und wurde Anfang 1804 fertig gestellt. Das Autograph ist verschollen. Doch ist eine überprüfte Abschrift der Partitur im Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien erhalten, dessen Titelblatt ursprünglich die Bezeichnung »Sinfonia grande/intitolata Bonaparte […]« trug. Diese zweite Zeile wurde später ausradiert, wobei Beethoven mit Bleistift wieder anfügte: »geschrieben auf Bonaparte« und in demselben Brief an Breitkopf & Härtel weist er darauf hin: »die Symphonie ist eigentlich betitelt Ponaparte«.
Offensichtlich stand Beethoven wie viele Intellektuelle seiner Zeit nicht nur der Revolution in Frankreich, sondern auch dem ersten Konsul und späteren Kaiser der Franzosen Napoleon Bonaparte zwiespältig gegenüber. Erst von Begeisterung und schließlich von großem Entsetzen erfüllt, beobachtete der Komponist den Aufstieg des Korsen mit gemischten Gefühlen.
Beethovens Empörung über dessen Politik war allerdings nur von kurzer Dauer und so teilte er am 22. Oktober 1803 Ries Simrock mit, dass er seine neue Symphonie vielleicht Bonaparte widmen wolle. Ein nicht ganz ungefährliches Vorhaben – führt man sich einmal die Bilder der geköpften Marie Antoinette, jüngste Schwester Josephs II. und Tante des gegenwärtigen Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, vor Augen. Hinzu kam noch ein weiteres kleines Problem namens Lobkowitz. Der Fürst, ein Mäzen Beethovens und Förderer neuer Musik, wollte in das Symphonie-Projekt mit einbezogen werden. Er stellte großzügiger Weise Probenräume zur Verfügung und versprach Unterstützung bei der nötigen Reklame für das neue Werk. Als Gegenleistung wollte er die Aufführungsrechte für ein halbes Jahr. Für die Widmung bot er 400 Gulden, später sogar 700 Gulden plus weitere 360 Gulden unter der Bedingung, dass die Aufführungsrechte um ein Jahr verlängert werden.
Ein verlockendes Angebot, das Beethoven nicht ablehnen konnte. Ohne den Bonaparte-Plan aufgeben zu müssen, kam Beethoven kurzerhand ein kluger Einfall: Die neue Symphonie wurde Lobkowitz gewidmet, erhielt aber den Titel »Bonaparte«.
Beim Beethovenfest Bonn wurde die dritte Symphonie das erste Mal 1894 aufgeführt. Zur Aufführung brachte es das Kölner Gürzenich-Orchester, das damals alle Symphonien des Bonner Komponisten im Rahmen des Beethovenfestes Bonn zum Besten gab. Es ist ein vielgespieltes Werk – nicht nur hier in Bonn – und auch in diesem Jahr wird es im Rahmen des Orchestercampus von Deutsche Welle und Beethovenfest Bonn das Istanbul University State Conservatory Symphony Orchestra unter Ramiz Malik Aslanov spielen. Das 1950 gegründete Ensemble setzt sich zusammen aus den besten Studenten der Fakultät der Universität Istanbul und war bereits 2002 Gast in Bonn mit Beethovens sechster Symphonie.
Es ist ein fester Bestandteil des Beethovenfestes Bonn, dass das Festival und die Deutsche Welle jedes Jahr ein herausragendes Jugendorchester aus einem anderen Teil der Welt für einen längeren Aufenthalt einlädt, bei dem ein intensiver Austausch mit dem kulturellen Erbe Deutschlands stattfindet.

Quellen:
– Ludwig van Beethoven. Briefwechsel. Gesamtausgabe in 7 Bde., hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996-1998, insbesondere Bd. 1 (1996): 1783-1807.
– Das Werk Beethovens. Thematisch-bibliographisches Verzeichnis seiner sämtlichen vollendeten Kompositionen von Georg Kinsky. Nach dem Tode des Verfassers abgeschlossen und herausgegeben von Hans Halm, 1955/1983 München, insbesondere S. 129.
– Caeyers, Jan: Beethoven. Der einsame Revolutionär. Eine Biographie, München 2012, insbesondere S. 322-324.

N wie Napoleon

Beethoven-Blog-Lexikon

N wie Napoleon heißt es heute im Beethoven-Blog-Lexikon und wer die Napoleon-Ausstellung letztes Jahr in der Bonner Bundeskunsthalle besucht hat, weiß schon, warum. Zu sehen war dort unter anderem das Titelblatt von Beethovens 3. Symphonie auf der ursprünglich einmal Napoleons Name gestanden hatte: „intitolata Bonaparte“ von „Luigi van Beethoven“. Beethoven setzte zunächst große Hoffnungen auf Napoleon, der seiner Meinung nach die Ideale der Französischen Revolution durchsetzen würde. Die Partitur sollte von General Bernadotte (später Karl XIV. Johann, König von Schweden) an Napoleon überbracht werden. Vorher jedoch traf die Botschaft in Wien ein, dass Napoleon sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte. Von Ferdinand Ries, dem Schüler Beethovens, ist dessen heftiger Kommentar auf diese Neuigkeit überliefert: „Ist er auch nichts anderes wie ein gewöhnlicher Mensch? Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize frönen, er wird sich nun höher wie alle anderen stellen, ein Tyrann werden!“ Die Widmung wurde ausradiert und Fürst Franz Joseph von Lobkowitz eingesetzt, in dessen Palast die erste Aufführung stattfand. 1806 erschien die Symphonie schließlich unter dem Titel „Sinfonia eroica, composita per festiggiare il sovvenire di un grand´uomo“ (Heroische Symphonie, komponiert, um das Andenken an einen großen Mann zu feiern). Im selben Jahr soll Beethoven behauptet haben: „Schade, dass ich die Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn schlagen.“

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Spätestens Mitte Mai 1809 war Beethovens Verehrung des nur ein Jahr älteren Napoleon Vergangenheit. Beethoven hatte nun mit Geldnot und Nahrungsmittelknappheit unmittelbar unter den Napoleonischen Kriegen zu leiden.

Beethovens Förderer und Schüler, der Erzherzog Rudolph musste mit der kaiserlichen Familie fliehen, als Wien von französischen Truppen angegriffen wurde. Unter der Besatzung verschlechterten sich die Lebensumstände noch für Beethoven und er wurde patriotischer. Einen großen Erfolg feierte er 1813 mit „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria“ op. 91, die Beethoven nach einem der entscheidenden Siege über Napoleon komponierte.

Ob Napoleon 1. Bonaparte seinerseits Beethoven überhaupt zur Kenntnis genommen hat, ist ungewiss. Überliefert ist jedoch sein Ausspruch: „Die Musik hat von allen Künsten den tiefsten Einfluss auf das Gemüt. Ein Gesetzgeber sollte sie deshalb am meisten unterstützen.“

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Beim Beethovenfest 2012 wird Beethovens 3. Symphonie im Symphonien-Zyklus am 4.10. um 20 Uhr in der Beethovenhalle vom Philharmonia Orchestra London (Dirigent: Esa-Pekka Salonen) aufgeführt.