Beethoven und die Steuer

BeethovenBonnensis © BarbaraFrommann
© Barbara Frommann

Das Geld und die Steuer waren auch schon zu Beethovens Zeiten ein Thema. Er nahm es dabei jedoch mit der Zahlung seiner Steuern nicht ganz so genau. In seiner Steuererklärung vom 15. Januar 1818, die er in Wien ablegte, gibt er einen Verdienst von 1500 Gulden an. Damit gibt er zwar das Stipendium an, das ihm von Erzherzog Rudolph gewährt wurde, unterschlägt aber jegliche Einkünfte aus seinen Werken und Zuwendungen anderer Mäzene. Mit 1500 Gulden, auch wenn es wenig klingt,  ließ es sich zu damaliger Zeit durchaus komfortabel leben und nachdem Beethoven zum Ehrenbürger Wiens erklärt wurde, zahlte er gar keine Steuer mehr.

„Formular der Fassion 1818
Unterzeichneter genießt eine Einnahme von jährl. 1500, und hat außerdem nichts, wovon er Steuer zahlen müßte Vien am 15ten Jänner ludwig van Beethowen“

Quelle: Beethoven-Haus Bonn

Beethoven und die Rente

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Heute vor rund 199 Jahren schrieb Beethoven einen Brief an den Rechtsanwalt  Johann Nepomuk Kanka, in dem er sich über die fehlende Zahlungen seiner Rente von den Kinsky-Erben beklagt.
Fürst Kinsky hatte zusammen mit zwei anderen Mäzenen Beethoven im Jahr 1809 eine Rente in Höhe von 4000 Gulden zugesichert. Nach dessen tödlichem Reitunfall im Jahr 1812 fühlten sich die Kinsky-Erben jedoch nicht genötigt, diese Zahlungen fortzusetzen. Beethoven forderte 1800 Gulden und war aufgrund seiner hohen Ausgaben und dem damit einhergehenden Druck sogar bereit, seine Forderungen auf 1500 Gulden monatlich zu senken.  Da es weder Zeugen noch schriftliche Beweise über die Rentenzusicherung gab, hatte Beethoven Schwierigkeiten seine Rechte geltend zu machen. Große Enttäuschung!
Was Beethoven zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste war, dass am 6. Januar in Prag ein Urteil zu seinen Gunsten gefällt worden war. Er erhielt danach monatlich 1200 Gulden Wiener Währung.

Quelle: Beethoven-Haus Bonn

»DER HIMMEL WEISS, WIE ES WEITERGEHEN WIRD!« (Beethoven) Nr. 12

WEISS ER DAS? Fragen zu Ludwig van Beethovens Oper »Fidelio« von Jan Müller-Wieland

Jan Müller-Wieland: Schuberts Motor und Fluch war Beethoven. Beethovens Motor und Fluch war Mozart. Schreibt sich Beethoven im »Fidelio« von »Don Giovanni« und »Figaro« weg? Warum »Fidelio« – wie Mozarts »Zauberflöte« – als Nummernoper?

Evgeny Nikitin: Da es sich um die einzige Oper Beethovens handelt, ist der Versuch, den »Don Giovanni-Komplex« zu überwinden ja offensichtlich. Als erfolgreich würde ich diesen Versuch allerdings nicht einschätzen. Es ist ja bekannt, dass es sich bei »Fidelio« nicht um die allerbeste Seite im Beethovens Schaffen handelt. Es ist eine Nummernoper, weil damals ebenso geschrieben wurde. Da sind wir wieder beim Thema Tradition.

Jan Müller-Wieland: Im Quartett, der Nr. 3, von Marzellina, Leonore, Rocco und Jaquino gibt es ruhevoll, wie im Adagio-Satz von Mahlers vierter Sinfonie, diesen schwebenden Stillstand der Harmonien. Sukzessiv entfalten diese ihr Innenleben und ihre Pracht. Das gemeinsame Atmen beim Singen wird dabei als Phänomen Hauptrolle und Vordergrund. Wie erleben Sie dieses gemeinsame Atmen? Sind das nicht die »heiligen Stellen« in jeglicher Oper, beim Konzertieren und beim Theatermachen?

Julian Prégardien: Ich bin im Knabenchor groß geworden. Das »gemeinsames Atmen« wird schon dort nicht genügend ausgekostet. Wichtiger sind häufig pseudopädagogische Notwendigkeiten (Wettbewerb zwischen den Jungs!). Im Opernbetrieb ist zuweilen auch das »surviving of the fittest« wichtiger als das »gemeinsame Atmen«… Dabei gibt uns eine gute Komposition (wie dieses Quartett) immer die richtige Medizin zur Hand! Lässt man sich auf das »gemeinsame Atmen« ein, erreicht man den Idealzustand beim Ensemble- Musizieren: aus gleichwertigen Einzelnen wird ein tönendes Ganzes.

Evgeny Nikitin: Auch wenn ich beim Quartett Nr. 3 nicht dabei bin, gilt: Bei einem Ensemble müssen aber alle Sänger, überhaupt alle Musiker einen gemeinsamen Atem haben. Das ist ein Axiom. Ohne gemeinsamen Atem gibt es keine Musik. Das ist so klar und offensichtlich wie zweimal zwei gleich vier ist.

Mojca Erdmann: Im Idealfall macht hier eine Schwerelosigkeit alles Irdische vergessen.

Jan Müller-Wieland: In Nr. 5, zwei Takte vor Roccos Text: »Der Governeur soll heut erlauben …« bremst Beethovem den Schwung ab und bringt vier chromatisch aufsteigende halbe Noten. Sie wirken für den Moment erhaben über jegliche Empathie und gefühlsneutral. Kündigt sich in solchen Stellen nicht schon Wagners »Ring« an? Oder in Nr. 8, bei Roccos Text: »Der kaum mehr lebt und wie ein Schatten schwebt.« schwebt tatsächlich spätwagnerischer, geradezu parsifalesker Impressionismus. Wieviel Wagner spüren Sie in »Fidelio«?

Evgeny Nikitin: Wagners «Ring» liefert die ganze Palette menschlicher Emotionen, da ist kein Platz für Neutralität. Für mich bleibt Beethoven Beethoven, und Wagner bleibt Wagner. Ich bin eben kein Musikwissenschaftler.

 

 

 

Jan Müller-Wieland: Nr. 9 beinhaltet Passagen, welche deutlich an den Beginn von Mozarts Requiem erinnern, und die Stimmführung der drei Hörner ist spektakulär!

Die Anrufung Mozarts und drei Hörner als Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!

Die magische Zahl Drei! Die Nähe zu den drei Anfangs-Orchester-Einsätzen der »Zauberflöte«!

Es sind alles auch Symbole. Dies alles ertönt vor Roccos Rezitationstext: »Mut – das ist etwas für große Leute …«

Ist das zu holzschnitthaft gedacht oder unterstreicht es die höchst eigenwillige Dichte der Oper?

 

Evgeny Nikitin: Vielleicht sind es auch bloß Traditionen, die für die Zeit (18.bzw 19. Jahrhundert) typisch waren? Vielleicht muss man hier keine Symbolkraft suchen?

Irgendwie denke ich, dass alles viel einfacher ist, als wir es uns vorstellen.

»DER HIMMEL WEISS, WIE ES WEITERGEHEN WIRD!« (Beethoven) Nr. 11

WEISS ER DAS? Fragen zu Ludwig van Beethovens Oper »Fidelio« von Jan Müller-Wieland

Jan Müller-Wieland: Die politischen Verhältnisse im Stück sind außerordentlich brutal. Verherrlicht eine Tonsprache dies nicht automatisch und unfreiwillig? Kann ein künstlerischer Duktus dies überhaupt unbeschönigend einfangen? Und wird so nicht auch Gewalt verharmlost?

Detlef Roth: Das ist ein Problem jeder Musik, die sich auch nur entfernt mit politischen Aussagen befasst. Damit wären wir wieder bei Henze und Frage 19. Ich persönlich kann eine Verherrlichung der politischen Verhältnisse im »Fidelio« keineswegs erkennen – die Gefahr besteht bei Beethoven auch insofern nicht, als man das gesamte Werk als Einheit betrachten muss und da ist der Schluss in seiner positiven Aussage eindeutig genug. Problematisch wird es immer, wenn sich Politik einer Musik für ihre Zwecke bedient – dann bekommt man sehr schnell ein Problem. Ich bin mir sicher, dass Beethoven zu keinem Zeitpunkt Gewalt in irgendeiner Form verharmlosen wollte – zu diesem Zweck ist der »Fidelio« sicher nicht geschrieben worden. Generell kann man das aber bei musikalischen Werken nicht immer ausschließen.

Evgeny Nikitin: Es geht um den Kontrast. Die Schönheit der Musik unterstreicht den Schrecken dieser Geschichte. Zauberhafte Harmonien lassen das Unschöne und Blutige noch hässlicher erscheinen. Dabei wirken die edlen Gefühle der Helden noch stärker und erhabener.

Jan Müller-Wieland: Ist »Fidelio« – im Sinne Schillers – naiv oder sentimental? Oder beides? Oder weder noch?

Evgeny Nikitin: Wie generell in der Romantik mangelt es hier an Naivität.

Jan Müller-Wieland: Wo ist für Sie der genialste Moment im Stück? Und wo der Schwierigste?

Evgeny Nikitin: Als Egozentriker halte ich die Arie von Pizarro für den genialsten Moment in der Oper und die Partie – für die Schwierigste.

Unsere Stars für das Tweetup #befespark 2013 – Teil 3: Paavo Järvi

Der estnische Stardirigent und Grammy-Gewinner Paavo Järvi ist seit 2004 Künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Darüber hinaus ist er Musikdirektor des Orchestre de Paris. 2012 wurde Järvi vom NHK Symphony Orchestra zum neuen Chefdirigenten ab der Spielzeit 2015/16 ernannt. Bis zum Sommer 2013 war er Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters.

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Photo: © Ixi Chen

Als Künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen dirigierte er weltweit Konzerte mit dem von der Kritik hochgelobten Beethoven-Zyklus. Im September 2010 ging die bereits mehrfach ausgezeichnete TV-Dokumentation der Deutschen Welle über das Beethoven-Projekt weltweit auf Sendung und im Oktober folgten alle neun in Bonn aufgezeichneten Beethoven-Sinfonien auf DVD. 2010 wurde er dafür mit dem ECHO Klassik als Dirigent des Jahres geehrt. Paavo Järvi und Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen haben 2009 den gesamten Zyklus der Beethoven-Sinfonien im Théâtre des Champs-Élysées Paris, beim Beethovenfest Bonn, bei den Salzburger Festspielen sowie 2010 beim Ludwig van Beethoven-Festival in Warschau gespielt.

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Photo: © Barbara Frommann

Tourneen führten ihn mit dem Orchester durch Europa, Japan und Nord-Amerika mit Auftritten z.B. bei den Salzburger Festspielen, den BBC Proms, beim Mostly Mozart Festival in New York sowie in Tokyo.
Sein Schumann-Projekt mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen geht nun ins dritte Jahr. Unmittelbar nach ihrem Erscheinen im November 2011 war die erste CD des Schumann-Zyklus mit Paavo Järvi die »CD der Woche« bei NDR Kultur. Die zweite CD des Zyklus erscheint Ende 2012.
Paavo Järvi ist auch künstlerischer Berater des Estonian National Symphony Orchestra sowie des Järvi Sommer Festivals im estnischen Pärnu. In seinen Programmen legt er einen besonderen Schwerpunkt auf Werke estnischer Komponisten wie Arvo Pärt, Erkki-Sven Tüür, Lepo Sumera und Eduard Tubin.
Als Gastdirigent arbeitet er regelmäßig bei Orchestern wie dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, dem Philharmonie Orchestra London, den Wiener und Berliner Philharmonikern, der Staatskappelle Dresden sowie dem New York, Chicago und Los Angeles Symphony Orchestra.

»DER HIMMEL WEISS, WIE ES WEITERGEHEN WIRD!« (Beethoven) Nr. 10

WEISS ER DAS? Fragen zu Ludwig van Beethovens Oper »Fidelio« von Jan Müller-Wieland

Jan Müller-Wieland: Beethovens Vision: »Alle Menschen werden Brüder…!«
Helmut Schmidt: »Wer eine Vision hat, soll zum Psychiater gehen!«
»Fidelio« eine allegorische Psychose?
Nach dem Motto: Allein der Glaube zählt?

Julian Prégardien: Das Schmidt-Zitat ist ein Beleg für fehlenden Idealismus in der Politik. Beethoven stellt im »Fidelio« einem politischen Realismus seinen Idealismus entgegen. Und der Idealismus gewinnt! Das kann nur Kunst! Das wusste auch Schiller. Ein fester Glaube macht die Realität erträglicher.

Detlef Roth: Vielleicht sind wir heute von der Schillerschen Vision »alle Menschen werden Brüder«zu weit entfernt, vielleicht ist es nur eine Utopie, die vielen Glaubensrichtungen zu Grunde liegt und eben nur ein Ideal ist, das sich nie verwirklichen lassen wird. Letztlich kommt es auch auf die Definition des Bruderbegriffes an. – Ein nüchterner Staatsmann sieht die Problematik dieses »Wunsches« vielleicht zu realistisch; politische Richtungen, die dieses Schlagwort umsetzen wollten, sind bislang auch immer gescheitert.

Der Glaubensbegriff ist dabei immer nur schwer definierbar – nach dem Motto: Glücklich ist, wer glaubt bzw. glauben kann; in der heutigen Zeit nicht immer Grundvoraussetzung bei allen Menschen.

 

Evgeny Nikitin: Große Künstler leben in einer von ihnen erfundenen Welt. Die reale Welt ist eine ganz andere. Helmut Schmidt, ein kühler Pragmatiker, brachte alles Idealistische zum Umsturz, wie es sich für einen Politiker gehört. Er sagte: »Wacht auf, Menschen, genug der Träumerei!« Schmidt ist ein Produkt unserer Realität. Die Kunst dagegen ist von Menschen dafür erfunden worden, um der Realität zu entkommen. Beethovens Vision von Menschen, die allesamt Brüder werden, ist eine reine Fantasie, da stimme ich Helmut Schmidt zu. Wir sind wohl beide keine Romantiker in unserem Geiste.

Jan Müller-Wieland: Gibt es in Ihrer Partie Momente, wo Sie Freiheit und Utopie spüren? Wäre das verbalisierbar?

Detlef Roth: Absolut – letztlich bringt Don Fernando als »deus ex machina« die absolute reale Freiheit, sowohl für Florestan in ganz konkreter Hinsicht als auch für Leonore und Rocco in übertragenem Sinn (Marzelline und Jacquino kann man selbst auch noch einschliessen).

Mojca Erdmann: Wahrhaftige Freiheit und Erfüllung existieren für Marzelline allein in ihrer Traumwelt.

Evgeny Nikitin: Freiheit und Utopie empfinde ich normalerweise bei einem kalten Bier in der Bar nach der Aufführung.

 

»DER HIMMEL WEISS, WIE ES WEITERGEHEN WIRD!« (Beethoven) Nr. 9

WEISS ER DAS? Fragen zu Ludwig van Beethovens Oper »Fidelio« von Jan Müller-Wieland

Jan Müller-Wieland: Die Französische Revolution vernetzt Beethoven mit Büchners »Dantons Tod«, worin es heißt: »Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott!« Hören Sie in »Fidelio« auch derartige Subversion und derartigen Nihilismus? Oder hatte Büchner – der gleichaltrig war mit Wagner – bereits einen kälteren Blick auf die Französische Revolution?

Evgeny Nikitin: Bei Beethoven gibt es gar keinen »Theonihilismus«. (Gottesnihilismus). Das haben wir ja schon besprochen. Glühender Glauben, der beim Kampf gegen die Tyrannei hilft: was hat das mit Nihilismus zu tun? Büchners These dagegen riecht nicht nur nach Nihilismus, sondern nach Atheismus. Wenn Gott nach Büchner noch gar nicht geboren ist – dann das heißt das doch im Umkehrschluss, es gibt gar keinen Gott. Und wenn der «zu gebärende Gott» ein Nichts ist, so kann man Büchner auch folgenderweise deuten: «es gibt keinen Gott und es wird auch nie einen geben»

Jan Müller-Wieland: Um 1968 meinte Hans Werner Henze, Musik sei »nolens volens politisch«. Wie halten Sie es damit in Bezug auf »Fidelio«?

Detlef Roth: Das würde voraussetzen, dass jeder Komponist und auch Librettist ein politischer Mensch ist, aber nicht nur das: auch die ausführenden Musiker. Sicher kann das gerade bei einer »Freiheitsoper« der Fall sein; bei »Fidelio«  würde ich sogar zustimmen … Allerdings ist durch die Brisanz des Stoffes Beethoven – ob er wollte oder nicht – zum politischen Menschen und somit Komponisten geworden. In der heutigen Zeit der politischen Übersättigung und des politischen Verdrusses ist es mir nicht klar, ob die politische Aussage eines musikalischen Werkes durch die Interpreten immer klar hervortreten kann und soll. Wir leben heute in einer Welt der Stromlinien.

Evgeny Nikitin: Unbedingt. Musik ist ein mächtiges Instrument politischer Propaganda. Deswegen entwickelt sich die Musik immer parallel zur politischen Situation im jeweiligen Lande – ob es eine Zeit der Veränderungen oder aber der politischen Stagnation ist. Ein anderes Thema ist der Wille. Beethoven war eine dermaßen willensstarke und überhaupt starke Person, dass er wohl kaum je eine Aussage getätigt hätte, die gegen seine Überzeugungen ginge. Sonst wäre es nicht Beethoven. Deswegen funktioniert Henzes Maxime nicht bei Beethoven.