Aus der Schatztruhe #14 – Die »Schicksalssymphonie« Ludwig van Beethovens

Brief Hindeburgs
Geleitwort des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Festbuch des Deutschen Beethovenfestes 1927.

»Bester Graf! Sie werden mich in einem falschen Lichte betrachten, aber Noth zwang mich die Sinfonie, die für sie geschrieben, und noch eine Andere dazu an Jemanden andern zu veräußern – seyn sie aber versichert, daß sie die jenige, welche für sie bestimmt ist, bald erhalten werden.«

Oft genug kam es vor, dass Beethoven eines seiner Werke einem Freund oder Mäzen widmete, den er dann wieder vertrösten musste, da er sich – aus welchen Gründen auch immer – dafür entschied, den Widmungsträger kurzerhand zu ändern. In diesem Fall geht es um die 5. Symphonie, die Beethoven zunächst Graf Franz von Oppersdorff bestimmte, schließlich aber zwei Andere zu Widmungsträgern seiner »Schicksalssymphonie« machte: Fürst Franz Joseph von Lobkowitz und Graf Andreas von Rasumowsky. Oppersdorff wurde später die weniger bekannte, vierte Symphonie gewidmet.
Beethoven komponierte parallel zur fünften eine weitere Symphonie – seine »Pastorale«, die nur wenige Monate nach Beendigung der »Schicksalssymphonie« im Sommer 1808 fertiggestellt wurde. Dass bei einem Konzert am 22. Dezember 1808 beide Symphonien uraufgeführt wurden, ist daher kein Zufall. Beide Symphonien sind denselben Adligen gewidmet und erschienen ein Jahr später mit aufeinanderfolgenden Opuszahlen 67 und 68 im Druck. Darüber hinaus sind sie inhaltlich auf das Engste miteinander verknüpft: Während Beethovens »Schicksalssymphonie« den Kampf des Menschen in Auseinandersetzung mit seinem Schicksal, über das er sich letztlich erhebt, thematisiert, verkörpert die »Sinfonia pastorale« Schönheit, Lebensgenuss und Dankbarkeit. Beide Symphonien ergänzen sich demnach und dass Beethoven ihre Reihenfolge kurz vor der Drucklegung umkehrte, so dass die Pastorale gewissermaßen als Antwort auf die c-Moll-Symphonie gesehen werden kann, sollte hier nicht unerwähnt bleiben.
Besucher und Zuhörer des Beethovenfestes Bonn dürfen sich auch in diesem Jahr wieder auf die Symphonie Nr. 5 op. 67 in c-Moll freuen. Die Bamberger Symphoniker kommen mit ihrem Chefdirigenten Jonathan Nott nach Bonn und setzen die lange Reihe fort, die Beethovens »Fünfte« beim Beethovenfest Bonn seit 1845 bis heute zeichnet. Auch wenn sie 1927 nicht aufgeführt wurde, so formuliert das Geleitwort des damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Festbuch des Beethovenfestes von 1927 das Wesentliche, das dieses Werk im Besonderen und Beethovens Schaffen im Allgemeinen ausmachen: »Beethovens gewaltige Schöpfungen heben die Menschen über Nöte und Zwiste der Zeit empor in die Sphäre des Erhabenen und Göttlichen; sie atmen den Geist reinen und edlen Menschentums und sind Stufen zur Läuterung und zum Aufstieg des Menschengeschlechtes!« In Anbetracht der Tatsache, dass Hindenburg dem Aufstieg der Nationalsozialisten mit wachsender Sorge entgegensah, erklärt das Zitat nicht nur das Wesen der Beethoveschen Musik. Es ist auch ein politisches Credo, das sicherlich mit der politischen Einstellung Beethovens konform ging.

Quellen und Literatur:
– Ludwig van Beethoven. Briefwechsel. Gesamtausgabe in 7 Bde., hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996-1998, insbesondere Bd. 2 (1996): 1808-1813.
– Das Werk Beethovens. Thematisch-bibliographisches Verzeichnis seiner sämtlichen vollendeten Kompositionen von Georg Kinsky. Nach dem Tode des Verfassers abgeschlossen und herausgegeben von Hans Halm, 1955/1983 München, insbesondere S. 157-161.
– Caeyers, Jan: Beethoven. Der einsame Revolutionär. Eine Biographie, München 2012, insbesondere S. 421-423.

Photo: Geleitwort des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Festbuch des Deutschen Beethovenfestes 1927, in: Die Beethovenfeste in Bonn 1845-2003. Eine Veröffentlichung des Beethovenhauses und der Internationalen Beethovenfeste Bonn, hrsg. von Manfred van Rey u. a., 2 Bde., Bonn 2003, hier Bd. 1, S. 34.

 

Aus der Schatztruhe #12 – Beethovens Streichquartette

Therese_Malfatti_Anonymus
Therese Malfatti (Anonymus)

Nach 1871 erfuhr das noch junge Beethovenfest eine Unterbrechung, die erst 1889 ein Ende fand. Das Festival bestand allerdings in Form von Kammermusikfesten weiter, wobei das erste dieser Art der von zwölf engagierten Bonnern gegründete »Verein Beethoven-Haus« bereits ein Jahr später veranstaltete. Wie der Name schon sagt, widmeten sich die beteiligten Musiker der Kammermusik Beethovens. Beim 6. Kammermusikfest von 1903 wurden an nur fünf Abende erstmals Beethovens sämtliche Streichquartette durch das Joachim-Quartett aufgeführt.
Bis auf wenige Ausnahmen widmete Beethoven seine Streichquartette adligen Gönnern, die nicht selten die Werke selbst beim Komponisten in Auftrag gegeben hatten. Dies zeigt nicht nur die Verbindung des Komponisten in adlige Kreise, sondern auch ein großes Interesse vieler reicher Mäzene an der Musik des Bonner Genies.
Op. 18 ist ein Zyklus von insgesamt 6 Quartetten, die zwischen 1798 und 1800 entstanden sind und Beethovens Mäzen Fürst Franz Joseph von Lobkowitz gewidmet sind. Ebenso das Streichquartett op. 74, das wegen der auffälligen Pizzicato-Partien auch als »Harfenquartett« bezeichnet wird. Die Drei Streichquartette Op. 59 sind dem Grafen Andreas Kyrillowitsch Rasumowsky gewidmet – ebenfalls Förderer der Musik Beethovens.
Der Auftraggeber Fürst Nikolaus Galitzin war Widmungsempfänger gleich dreier Streichquartette – Op. 127, 130, 132 – weshalb die Quartette auch unter dem Namen »Galitzin-Quartette« bekannt geworden sind. Die Schlussfuge von op. 130 wurde aufgrund des enormen Ausmaßes auf Wunsch des Verlegers gesondert in op. 133 als »Große Fuge für Streichquartett« veröffentlicht.
Op. 131, das Beethoven zunächst seinem Freund Johann Wolfmayer widmen wollte, fand als Widmungsträger schließlich Baron Joseph v. Sutterheim – einem mährischen Feldmarschallleutnant – mit der Begründung: »Es muß dem hiesigen Feldmarschal-Lieutenant Baron v. Stutterheim, dem ich große Verbindlichkeiten schuldig bin, gewidmet werden.« (Brief Beethovens vom 10. März 1827 an B. Schott’s Söhne in Mainz)
Op. 135 widmete Beethoven letztlich seinem Freund und jahrelangem Verehrer Wolfmayer. Das Streichquartett Op. 95 oder auch »Quartetto serioso«, wie Beethoven es selbst nannte, ist in eine besonders interessante Entstehungsgeschichte eingebettet. Gewidmet wurde es »Dem Herrn von Zmeskall«, als »ein liebes Andenken unserer hier lange waltenden Freundschaft«. (Brief Beethovens vom 16. Dezember 1816 an Nikolaus Zmeskall)
Gemeint ist der Cellist Nikolaus Zmeskall von Donamovecz. Er hatte den Heiratsantrag Beethovens, den dieser 1810 der 19-jährigen Therese Malfatti machte, miterlebt. Sie lehnte allerdings ab und die gesamte Enttäuschung und Bitterkeit des Komponisten schlug sich in einer düsteren, »ernsten« Stimmung des Quartetts nieder.
Wohl kein anderes Ensemble hat sich derart lange und profund mit den beiden wichtigsten Quartett-Komponisten der Musikgeschichte – Ludwig van Beethoven und Dmitri Schostakowitsch – beschäftigt wie das Borodin Quartet. Während einer dreijährigen Residency von 2012 bis 2014 in Bonn spielt das Ensemble in insgesamt 12 Konzerten alle Streichquartette Ludwig van Beethovens und die wichtigsten russischen Werke für diese Besetzung. 2013 wird das Quartett am 26.9., 28.9., 30.9. und 1.10.2013 mit insgesamt sechs der Beethovschen Streichquartette zu hören sein.

Quellen und Literatur:
– Ludwig van Beethoven: Briefwechsel, Gesamtausgabe in 7 Bde., hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996-1998, hier Bd. 6, S. 372.
– Ludwig van Beethoven: Briefwechsel, Gesamtausgabe in 7 Bde., hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996-1998, hier Bd. 3, S. 335.
– Das Werk Beethovens. Thematisch-bibliographisches Verzeichnis seiner sämtlichen vollendeten Kompositionen von Georg Kinsky. Nach dem Tode des Verfassers abgeschlossen und herausgegeben von Hans Halm, 1955/1983 München.

Aus der Schatztruhe #11 – Ein Trick, der für Verwirrung sorgt

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Napoleon in seinem Arbeitszimmer (Gemälde von Jacques-Louis David, 1812)

„[…] ich habe jetzt mehrere werke, und eben des wegen, weil ich sie gesonnen bin, Alle ihnen dieselben zu überlassen, würde mein Wunsch, dieselben bald ans Tages licht kommen zu sehen, vielleicht um desto eher erfüllt können werden – ich sage ihnen daher nur kurz, was ich ihnen geben kann: […] eine Neue große Simphonie […].“
(Beethoven an Breitkopf & Härtel in Leipzig, Wien am 26. August 1804)
Die »Eroica« – Beethovens dritte Symphonie – entstand während des Jahres 1803 und wurde Anfang 1804 fertig gestellt. Das Autograph ist verschollen. Doch ist eine überprüfte Abschrift der Partitur im Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien erhalten, dessen Titelblatt ursprünglich die Bezeichnung »Sinfonia grande/intitolata Bonaparte […]« trug. Diese zweite Zeile wurde später ausradiert, wobei Beethoven mit Bleistift wieder anfügte: »geschrieben auf Bonaparte« und in demselben Brief an Breitkopf & Härtel weist er darauf hin: »die Symphonie ist eigentlich betitelt Ponaparte«.
Offensichtlich stand Beethoven wie viele Intellektuelle seiner Zeit nicht nur der Revolution in Frankreich, sondern auch dem ersten Konsul und späteren Kaiser der Franzosen Napoleon Bonaparte zwiespältig gegenüber. Erst von Begeisterung und schließlich von großem Entsetzen erfüllt, beobachtete der Komponist den Aufstieg des Korsen mit gemischten Gefühlen.
Beethovens Empörung über dessen Politik war allerdings nur von kurzer Dauer und so teilte er am 22. Oktober 1803 Ries Simrock mit, dass er seine neue Symphonie vielleicht Bonaparte widmen wolle. Ein nicht ganz ungefährliches Vorhaben – führt man sich einmal die Bilder der geköpften Marie Antoinette, jüngste Schwester Josephs II. und Tante des gegenwärtigen Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, vor Augen. Hinzu kam noch ein weiteres kleines Problem namens Lobkowitz. Der Fürst, ein Mäzen Beethovens und Förderer neuer Musik, wollte in das Symphonie-Projekt mit einbezogen werden. Er stellte großzügiger Weise Probenräume zur Verfügung und versprach Unterstützung bei der nötigen Reklame für das neue Werk. Als Gegenleistung wollte er die Aufführungsrechte für ein halbes Jahr. Für die Widmung bot er 400 Gulden, später sogar 700 Gulden plus weitere 360 Gulden unter der Bedingung, dass die Aufführungsrechte um ein Jahr verlängert werden.
Ein verlockendes Angebot, das Beethoven nicht ablehnen konnte. Ohne den Bonaparte-Plan aufgeben zu müssen, kam Beethoven kurzerhand ein kluger Einfall: Die neue Symphonie wurde Lobkowitz gewidmet, erhielt aber den Titel »Bonaparte«.
Beim Beethovenfest Bonn wurde die dritte Symphonie das erste Mal 1894 aufgeführt. Zur Aufführung brachte es das Kölner Gürzenich-Orchester, das damals alle Symphonien des Bonner Komponisten im Rahmen des Beethovenfestes Bonn zum Besten gab. Es ist ein vielgespieltes Werk – nicht nur hier in Bonn – und auch in diesem Jahr wird es im Rahmen des Orchestercampus von Deutsche Welle und Beethovenfest Bonn das Istanbul University State Conservatory Symphony Orchestra unter Ramiz Malik Aslanov spielen. Das 1950 gegründete Ensemble setzt sich zusammen aus den besten Studenten der Fakultät der Universität Istanbul und war bereits 2002 Gast in Bonn mit Beethovens sechster Symphonie.
Es ist ein fester Bestandteil des Beethovenfestes Bonn, dass das Festival und die Deutsche Welle jedes Jahr ein herausragendes Jugendorchester aus einem anderen Teil der Welt für einen längeren Aufenthalt einlädt, bei dem ein intensiver Austausch mit dem kulturellen Erbe Deutschlands stattfindet.

Quellen:
– Ludwig van Beethoven. Briefwechsel. Gesamtausgabe in 7 Bde., hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996-1998, insbesondere Bd. 1 (1996): 1783-1807.
– Das Werk Beethovens. Thematisch-bibliographisches Verzeichnis seiner sämtlichen vollendeten Kompositionen von Georg Kinsky. Nach dem Tode des Verfassers abgeschlossen und herausgegeben von Hans Halm, 1955/1983 München, insbesondere S. 129.
– Caeyers, Jan: Beethoven. Der einsame Revolutionär. Eine Biographie, München 2012, insbesondere S. 322-324.