Aus der Schatztruhe #17 – »Die Geschöpfe des Prometheus«

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Heinrich Füger: »Prometheus bringt der Menschheit das Feuer« (um 1817)

»[…] Die Geschöpfe des Prometheus, das vorzüglichste neue Produkt. Das Stück selbst ist von Salvatore Vigano, die Musik von Hrn. von Beethoven, welcher sich, zwar vorzüglich in Stücken für das Fortepiano, schon rühmlich bekannt gemacht hat. Die gegenwärtige Musik ist seine erste Arbeit für das Theater, welche ihm Ehre macht, hie und da wohl noch etwas zu gekünstelt.«
Die Musik zum Ballett »Die Geschöpfe des Prometheus« stellte Beethoven Anfang 1801 fertig und wurde bereits kurze Zeit später am 28. März im Hoftheater Wien uraufgeführt. Das Libretto und die Choreographie entwarf Salvatore Viganò, dem Beethoven die Schuld an der insgesamt schlechten Kritik der ersten Vorstellung gab. In einem Brief vom 22. April 1801 schreibt der gebürtige Bonner an seinen Musikverleger Franz Anton Hoffmeister, dass »der Balletmeister seine sache nicht ganz zum besten gemacht« habe. Der italienische Choreograph erregte in seinen Inszenierungen insbesondere damit Aufsehen, dass er seine Tänzerinnen in engen, hautfarbenen Trikots mit durchsichtigen, flatternden Röckchen auftreten ließ, so dass sie bei entsprechender Beleuchtung wie nackt erschienen. Ein Skandal, der die Wiener damals in Massen in die Vorstellungen lockte.
Dem Theaterzettel und den Untertiteln von Beethovens Partitur ist zu entnehmen, dass Viganòs Ballett mit den Ursprüngen der Prometheus-Geschichte und dem berühmten Gedicht Goethes nur noch wenig zu tun hatte. Viganò verband den klassischen Mythos mit den Erzählungen von Apoll und den Musen – von der Macht der Musik und des Tanzes über die Menschen. Prometheus wird nicht mehr als der revoltierende Befreier der Menschen dargestellt, der den Göttern das Feuer geraubt hat, sondern als Künstler, der aus Ton einen Mann und eine Frau schafft, denen er durch das geraubte Feuer Leben verleiht. Nachdem er zu seinem Leidwesen feststellen muss, dass seinen »Geschöpfen« Gefühl und Verstand fehlen, übergibt er sie Apoll und den Musen, die sie zu wahren Menschen heranbilden. Daher liegt die Betonung des Titels nicht mehr auf »Prometheus«, sondern auf seinen »Geschöpfen«.
Bereits schon früh ging der Trend dazu, ausschließlich die Ouvertüre zu Opus 43 aufzuführen. 1947 beim 16. Beethovenfest Bonn das erste Mal zur Aufführung gebracht, traten renommierte Orchester mit dem Werk beim Festival auf – so beispielsweise 1963 die Londoner Philharmoniker oder 2010 Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Am 18. September 2013 kommt die Sinfonia Varsovia unter der Leitung Krzysztof Pendereckis mit der Ouvertüre in die Beethovenhalle nach Bonn.

Quellen und Literatur:
– Journal des Luxus und der Moden, Band 16, Juni 1801, S. 303. Digitale Quelle: http://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jparticle_00091974; letzter Zugriff 19.6.2013 um 15.19Uhr).
– Ludwig van Beethoven: Briefwechsel, Gesamtausgabe in 7 Bde., hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996-1998, hier Bd. 1, S. 72.
– Das Werk Beethovens. Thematisch-bibliographisches Verzeichnis seiner sämtlichen vollendeten Kompositionen von Georg Kinsky. Nach dem Tode des Verfassers abgeschlossen und herausgegeben von Hans Halm, 1955/1983 München, insbesondere S. 100-105.
– Die Beethovenfeste in Bonn 1845-2003. Eine Veröffentlichung des Beethovenhauses und der Internationalen Beethovenfeste Bonn, hrsg. von Manfred van Rey u. a., 2 Bde., Bonn 2003.
Caeyers, Jan: Beethoven. Der einsame Revolutionär. Eine Biographie, München 2012, insbesondere S. 232-237.

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Aus der Schatztruhe #9 – Begegnung zweier Legenden

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So stellte sich der Maler Carl Rohling das Treffen von Beethoven und Goethe vor.

Sommer 1812: In Teplitz, dem eleganten böhmischen Bad, 90 Kilometer nordwestlich von Prag, traf sich alles, was in der damaligen Gesellschaft von Rang und Namen war. Auch die Kulturszene war hier vertreten und so ist es nicht verwunderlich, dass das einzige Treffen, welches zwischen Ludwig van Beethoven und Johann Wolfgang von Goethe jemals zustande kam, in jenem Kurort am Fuße des Erzgebirges stattgefunden hat.

In dem recht spärlichen Briefwechsel zwischen beiden Kunstheroen geht eindrücklich die Bewunderung insbesondere von Seiten des zwanzig Jahre jüngeren Beethovens für seinen Weimarer Geistesverwandten hervor. So bittet er Karl August Varnhagen von Ense im Sommer des Jahres 1812, ihm „die 3 Theile Göthe’s wilhelm Meister’s lehrjahr hieher [nach Teplitz] mit dem Postwagen zu schicken“.  In einem Brief an Breitkopf und Härtel vom 8. August 1809 erinnert er den Verleger „Freundschaftlich daran“, ihm „eine Ausgabe Von Göthe’s und Schillers Vollständigen Werken zukommen [zu] laßen“ und einem Bekenntnis gleich formuliert er: „Die zwei Dichter sind meine Lieblings Dichter“.

In zahlreichen Oeuvres lässt sich Beethoven von dem Werk Goethes inspirieren, wobei er Klaviervariationen über das Goethe-Lied »Ich denke dein« (WoO 74) schreibt und in den Liedersammlungen op. 52, op. 75 und op. 83 Verse des Weimarer Dichters vertont – so auch aus der Tragödie »Faust«. Selbst ein Entwurf zu Goethes Ballade »Der Erlkönig« findet sich auf der langen Liste der Goethevertonungen (WoO 131).

Vor allem aber komponierte er in den Jahren 1809/10 im Auftrag des Wiener Hoftheaters die Schauspielmusik zum Trauerspiel »Egmont« op. 84, die er Goethe am 12. April 1811 ankündigt:
„[…] sie werden Nächsten Die Musik zu Egmont von Leipzig Durch Breitkopf und Hertel erhalten, diesen Herrlichen Egmont, den ich, indem ich ihn eben so warm als ich ihn gelesen, wieder durch sie gedacht, gefühlt, und in Musick gegeben habe – ich wünsche sehr ihr Urtheil darüber zu wißen, auch der Tadel wird nur für mich und meine Kunst ersprießlich seyn, und so gern wie das größte Lob aufgenommen werden“.

Offenbar sah Beethoven dem geschätzten Urteil Goethes nicht schnell genug entgegen. So erinnert er den Verlag Breitkopf & Härtel immer wieder daran, den »Egmont« schnellstmöglich nach Weimar zu schicken. Er fragt: „Wann erscheint der Egmont? Schicken sie doch die ganze Partitur meinetwegen abgeschrieben auf meine Kosten [… ] an Göthe, wie kann ein deutscher erster Verleger gegen den ersten deutschen dichter so unhöfflich so grob seyn? Also geschwinde die Partitur nach Weimar.“ (Wien, 9. Oktober 1811)

Während des niederländischen Freiheitskampfes kämpft der flämische Statthalter Graf Egmont an der Spitze der wachsenden Opposition gegen die spanische Fremdherrschaft für Freiheit und Unabhängigkeit, was er am Ende mit seinem Leben bezahlt. Das Werk stellt demnach nicht nur eine Hommage an den geliebten Dichter Goethe dar, sondern in ihm verbinden sich abermals Ideale, wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, die des Öfteren das Oeuvre Beethovens beeinflussten.

Das Beethovenfest Bonn wird 2013 in gleich zwei Konzerten das Werk würdigen.  Zum einen wird das NDR Sinfonieorchester unter der Leitung Thomas Hengelbrocks die Ouvertüre zu Johann Wolfgang von Goethes Trauerspiel »Egmont« aufführen und zum anderen wird es die Klassische Philharmonie Bonn mit Heribert Beissel  zum Besten geben.

http://www.beethovenfest.de/programm/helene-grimaud/846/
http://www.beethovenfest.de/programm/klassische-philharmonie/868/

Quellen und Literatur:

– Ludwig van Beethoven. Briefwechsel. Gesamtausgabe in 7 Bde., hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996-1998, insbesondere Bd. 2 (1996): 1808-1813.

– Das Werk Beethovens. Thematisch-bibliographisches Verzeichnis seiner sämtlichen vollendeten Kompositionen von Georg Kinsky. Nach dem Tode des Verfassers abgeschlossen und herausgegeben von Hans Halm, 1955/1983 München, insbesondere S. 225ff.

– Caeyers, Jan: Beethoven. Der einsame Revolutionär. Eine Biographie, München 2012, insbesondere S. 456ff.

T wie Teplitz

Beethoven-Blog-Lexikon

Teplice_um_1870

Dieses Bild zeigt Teplitz (heute Teplice in Tschechien) um 1870. Der kleine Kurort war einige Jahre zuvor – im Jahre 1812 – Schauplatz der Begegnung von zwei der bedeutendsten Persönlichkeiten jener Zeit:

Ludwig van Beethoven und Johann Wolfgang von Goethe.

Der 42-jährige Komponist und der 63-jährige Dichter trafen sich am 19. Juli 1812 zum ersten Mal persönlich und besprachen unter anderem Beethovens Entwürfe zur Ouvertüre zu Goethes „Egmont“. An Erzherzog Rudolph schrieb Beethoven am 12. August „Mit Goethe war ich viel zusammen“ und tatsächlich verbrachten die beiden auch am 20., 21. und 23. Juli Zeit miteinander. Dennoch scheint der Respekt vor der Arbeit des Anderen größer gewesen zu sein als die Sympathie. Vielleicht erschwerte auch Beethovens fortgeschrittene Hörprobleme die Kommunikation. Gemeinsame Projekte wurden nach der Begegnung jedenfalls nicht in Angriff genommen.

Der heute wohl bekannteste Zwischenfall der Begegnung wurde von dem Maler Carl Röhling in dieser Lithographie festgehalten („Incident in Teplitz“, 1887).

Incident_teplitz_1812

Im Teplitzer Park durchschreitet Beethoven hier unbeirrt eine adlige Gesellschaft von Prinzen und Höflingen, während Goethe sich verbeugend zur Seite tritt, um der Gesellschaft den Vortritt zu lassen. Geschildert wurde die Begebenheit von Bettina von Arnim, die sowohl mit Beethoven als auch mit Goethe gut bekannt war. In einem Brief an einen Freund erzählt sie nach, was Beethoven ihr angeblich persönlich berichtet hatte: „Als wir gestern vom Spaziergang zurückkehrten, trafen wir die ganze kaiserliche Familie. Goethe ließ meinen Arm los und stellte sich an die Seite des Weges. Ich konnte ihn keinen Schritt weiter bewegen. So schob ich mir den Hut in die Stirn, schloss meinen Gehrock, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ging mitten durch die Gesellschaft hindurch. Prinzen und Höflinge bildeten Spalier, Herzog Rudolf verbeugte sich vor mir und die Kaiserin grüßte als Erste…“

So beeindruckend die Geschichte ist – stattgefunden hat sie wahrscheinlich nie, sondern entsprang vielmehr Bettina von Arnims Phantasie. Fest steht aber, dass der eigensinnige Beethoven sich vom Adel sehr viel mehr distanzierte als Goethe. In einem Brief an Breitkopf & Härtel in Leipzig schreibt er nach der Teplitzer Begegnung kritisch über den Dichterfürsten: „Göthe behagt die hofluft zu sehr, mehr als es einem Dichter ziemt, Es ist nicht vielmehr über die lächerlichkeiten der Virtuosen hier zu reden, wenn Dichter, die als die ersten Lehrer der Nation angesehn seyn sollteen, über diesem schimmer alles andere vergessen können –“

Quelle: Brandenburg, Sieghard (Hrsg.): Ludwig van Beethoven. Briefwechsel Gesamtausgabe, Bd. 2, 1808-1813. München 1996, S. 287.