Aus der Schatztruhe #5 – Genie und Wahnsinn: Die Launen des Ludwig van B.

Beethoven

Nicht selten stehen Genie und Wahnsinn in einem engen Zusammenhang. Zumindest dürfte das auch bei Ludwig van Beethoven der Fall gewesen sein, dem des Öfteren schlechte Laune, Griesgram und sogar eine gewisse Portion Feindseligkeit nachgesagt wurde. Dass er beispielsweis sehr hart mit seinen Musikerkollegen ins Gericht ging, zeigt der berühmte Satz Beethovens, den er einem Violinisten gegenüber äußerte, der sich über eine seiner Meinung nach unspielbare Passage beschwerte: »Als ich dieses Stück komponiert habe, war ich mir der Inspirierung vom allmächtigen Gott bewußt. Glauben Sie, ich kann auf Ihre kümmerliche kleine Geige Rücksicht nehmen, wenn er zu mir spricht?«
Für den Pianisten von Felsburg, der das erste Klavierkonzert Beethovens samt Kadenz in einem Konzert am 31. Januar 1808 spielen sollte, hat Beethoven in einem Brief vom Vortag an Graf Moriz von Dietrichstein nur tadelnde Worte übrig: »(…) gestern hielt ich für Schüchternheit, was ich heute für Ungeschicklichkeit erkläre (…) ich habe dem H. Felsenburg selbst gesagt, dass ich ihm es nicht rathe Morgen zu spielen – Es gibt eine wahre Schweinerei.«
Doch auch zu Einsicht und sanften Tönen ist der Griesgram fähig, wenn es beispielsweise um Freundschaft ging. Mit der engen Vertrauten Anna Maria Gräfin Erdödy, zerstritt sich Beethoven häufiger. Dem folgenden Billet vom vermutlich 8. März 1809 ging eine Auseinandersetzung Beethovens mit der Gräfin um das Verhalten eines Bediensteten voraus. Offenbar hatte sich Beethoven in Unkenntnis des Sachverhaltes falsch verhalten und bittet daher die Gräfin um Verzeihung: »Meine liebe gräfin ich habe gefehlt, das ist wahr – verzeihen sie mir, Es ist gewiß nicht vorgesezte Boßheit von mir, wenn ich ihnen wehe gethan habe (…) schreiben sie mir nur mit einem Worte, daß sie wieder gut sind, ich leide unendlich dadurch, wenn sie dieses nicht thun«.
Schaut man sich die Beethovschen Briefe genauer an, finden sich zahlreiche solcher Passagen, die den Komponisten in dem Lichte eines sehr feinfühligen, bisweilen melancholischen und häufig dem Pathos zugeneigten Menschen erscheinen lassen. Und in einem bewegenden Brief an seine Brüder Kaspar Karl und Johann aus dem Jahr 1802 erklärt Beethoven selbst sein launisches und »störisches« Verhalten:
»O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens (…) aufgelegt, aber bedenket nur daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen (hat)«, wobei Beethoven hier von seiner Taubheit spricht, die ihn dazu zwang, sich von den »Zerstreuungen der Gesellschaft« abzusondern, und durch die er sich häufig von seinen Mitmenschen zurückgestoßen fühlte, da es ihm nicht möglich war, ihnen zu sagen: »sprecht lauter, schreit, denn ich bin Taub«.
Die Tatsache, dass Beethoven trotzdem oder vielleicht gerade deshalb so bahnbrechende und weltbewegende Musik komponierte, fällt – unter den gegebenen Umständen – einmal mehr unter die Kategorie »Genie«.

Quelle: Ludwig van Beethoven: Briefwechsel. Gesamtausgabe in 7 Bde., hrsg. von Sieghart Brandenburg, München 1996-1998.

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U wie Unsterblich

Beethoven-Blog-Lexikon

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Woran denken Beethoven-Kenner bei dem Stichwort „unsterblich“? Beethoven als unsterbliches Genie? Die unsterbliche Macht seiner Musik? Nein, es ist eine einfache boy-meets-girl-Geschichte, die vermutlich gleich assoziiert wird. Denn neben dem Heiligenstädter Testament ist wohl kaum ein Brief Beethovens bekannter als jener Brief an die unsterbliche Geliebte, den er am 6. Juli 1812 begann und am 7. Juli so fortführte:

 

„schon im Bette drängen sich die Ideen zu dir meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig, vom Schicksaale abwartend, ob es unß erhört – leben kann ich entweder nur ganz mit dir oder gar nicht, […] nie eine andre kann mein Herz besizen, nie – nie – O Gott warum sich entfernen müßen, was man so liebt, und doch ist mein Leben in V.[ien] so wie jezt ein kümmerliches Leben – Deine Liebe macht mich zum glücklichsten und zum unglücklichsten zugleich…“  (vollständiger Brief hier)

 

Beethoven war nach Berichten seiner Freunde ein schwärmerischer Charakter, häufig verliebt – meist jedoch unglücklich. Geheiratet hat er nie. Der Brief an die unsterbliche Geliebte gibt ein sehr persönliches Zeugnis von der emotionalen Aufgewühltheit des Verfassers. Da drängt ein Gedanke sich an den nächsten und der Leser hat lebendig vor Augen, wie die Schreibfeder über das Papier fliegt. Neben dem unvermutet direkten Einblick in die geheime Gefühlswelt Beethovens beflügelt auch die Tatsache, dass die Identität der Adressatin noch immer rätselhaft ist, die Phantasie des Lesers. Beethoven-Forscher haben sich intensiv dieser Frage gewidmet und doch ist noch immer nicht restlos geklärt, ob es nun die bereits verheiratete Antonie von Brentano war oder vielleicht doch Josephine von Brunswick, an die noch weitere Liebesbriefe Beethovens adressiert waren. Beethovens Brief an die mysteriöse Geliebte wird aber wohl genauso unsterblich bleiben wie die unbekannte Adressatin.