Fagott und »Zauberflöte«

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Das Ensemble Satyros präsentierte Mozarts Oper im Rahmen des Beethovenfests in der Bonner Post Tower Lounge vor 130 Grundschülern.

Dass eine ganze Oper in drei Koffer passt, bewies das Berliner Fagottduo Satyros am 16. September bei einer Sonderaufführung für Kinder während des Bonner Beethovenfests in der Post Tower Lounge. Mozarts »Die Zauberflöte« stand auf dem Programm. Es war eines von insgesamt 26 Konzerten, das die Deutsche Post DHL bis Anfang Oktober als kostenloses Rahmenprogramm in der Post Tower Lounge anbietet. Auf eine Spiellänge von knapp einer Stunde eingedampft, zeigten Adrian Rovatkay und Christian Walter die Liebesgeschichte in ungewohnter Leichtigkeit – nur mit Hilfe ihrer zwei Instrumente und drei Koffern voll ungewöhnlicher Requisiten.

Oper in Handgepäckformat

Die beiden Bläser, die ein ganzes Orchester inklusive Sänger ersetzen, leisten bei diesem Projekt ganze Arbeit und bescherten den Zuhörern die weltbekannten Melodien in einem neuen Sound. Unterstützt wurde das Duo von Schauspieler Andreas Walter, der in rasantem Wechsel in viele verschiedene Rollen schlüpfte. Die Opernversion „in Handgepäckformat“ richtet sich insbesondere an Kinder. So waren am Montag insgesamt 130 Schüler von vier verschieden Grundschulen – darunter die Bonner Marienschule, die Siegburger Hans-Alfred-Keller-Schule, die Bad Godesberger Siebengebirgsschule sowie die Swistbachschule aus Swisttal-Heimerzheim – in die Post Tower Lounge gekommen, um die Liebesgeschichte von Prinz Tamino und der schönen, entführten Pamina, der Tochter der Königin der Nacht, zu sehen. »Erwachsene lachen nicht in der Oper. Kinder dagegen sind einfach ehrlich: Die fangen an zu lachen, wenn es lustig ist und die langweilen sich, wenn es langweilig ist«, sagt Andreas Walter auf die Frage, welchen Unterschied es macht, ob im Publikum Erwachsene oder Kinder sitzen. Aber was bedeutet das für das Ensemble? »Das bedeutet, dass wir alles geben müssen«, sagt Christian Walter. Man müsse den direkten Kontakt mit den Kindern suchen um sie abzuholen.

Gemeinsam Mozarts »Hits« gebannt lauschen

Die Grundschüler lassen sich an diesem Montag gerne auf eine Reise in unbekannte Opernwelten mitnehmen. Wegen der märchenhaften Handlung und der eingängigen Musik eignet sich Mozarts letzte Oper besonders dazu, Kindern klassische Musik nahezubringen.
Die Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren lauschten Mozarts »Hits« – Papagenos Arie »Der Vogelfänger bin ich ja«, die »Königin der Nacht«-Arie und das Duett von Papageno und Papagena –, und folgten gebannt den drei gefährlichen Prüfungen, die Tamino bestehen muss, um am Ende seine Pamina in die Arme schließen zu können. Die komplexe Geschichte ist in der Fassung des Satyros-Ensembles kindgerecht entrümpelt. Dabei ist ihnen nichts heilig: Sie lassen im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen tanzen. Am Ende regnet es Konfetti. »Die Kinder an die bekannten Melodien heranzuführen, ist für uns ein wichtiger Kulturauftrag«, bringt es Fagottist Adrian Rovatkay auf den Punkt. Barbara Lensing ist Lehrerin an der Marienschule. Mit ihren Schützlingen hat sie sich gründlich auf die Veranstaltung vorbereitet, hat mit ihnen über »Die Zauberflöte« und ihren Komponisten gesprochen und ihnen das Genre Oper durch Hörbeispiele näher gebracht. Sie ist froh, dass es solche außerschulische Angebote angesichts knapper Haushaltetats für ihre Schüler gibt. »Wissen Sie, ich habe Kinder bei mir in der Klasse, die heute Morgen ohne Jacke zur Schule gekommen sind. Da ist es schön, wenn man ihnen für kurze Zeit einen Einblick in eine andere Welt zeigen kann.«

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Aus der Schatztruhe #23 – Von aufrichtigen Freundschaften unter Künstlern

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Antonín Dvořák (1882)

Neben Bedřich Smetana ist Antonín Dvořák der zweite tschechische Komponist, der entschieden zum Wiedererwachen eines nationalen tschechischen Bewusstseins beitrug und dessen Werke an internationalem Ruhm gewannen. Smetana ergänzend, schuf Dvořák die ersten von einem Tschechen stammenden Sinfonien und Instrumentalkonzerte, die weltweite Anerkennung fanden.
Seine siebte Symphonie in d-Moll op. 70 »kann man Dvořáks Pathétique nennen: ein düsteres, leidenschaftliches Werk, zerklüftet, abgründig und schmerzerfüllt.« (Westermann, Gerhart von /Schumann, Karl: Knaurs Konzertführer, München/Zürich 1957, S. 311.)
Dass diese Beurteilung nicht vollständig auf das Werk zutrifft, zeigen unter anderem folkloristische Tanzmotive und die Kantabilität der Themen, die tschechische Züge aufweisen. Entstanden 1884/85, fällt sie in eine Schaffensperiode, in der Dvořák bereits auf dem Höhepunkt seines musikalischen Erfolges angekommen war, der 1878 mit den berühmten »Slawischen Tänzen« eingeleitet wurde. Johannes Brahms‘ dritte Symphonie war das Vorbild für Dvořáks »Siebte«, wobei dieser Sachverhalt dazu beitrug, dass dem aus Böhmen stammenden Komponisten von der Londoner Philharmonic Society, die das Werk in Auftrag gegeben hatte, der Ehrentitel »der böhmische Brahms« verliehen wurde. Brahms war es auch, der Dvořák zu internationalem Ruhm verhalf. Darüber hinaus war die Freundschaft der beiden vermutlich eine der aufrichtigsten und ungetrübtesten Künstlerfreundschaften, die erst mit dem Tod von Johannes Brahms ihr Ende fand.

Erstmals 2001 durch die Tschechische Philharmonie unter der Leitung Vladimir Ashkenazys aufgeführt, wird die siebte Symphonie Dvořáks nach zwölf Jahren wieder beim Beethovenfest gespielt. Am 18.9. kommt der polnische Dirigent und Komponist Krzysztof Penderecki mit der Sinfonia Varsovia nach Bonn. Auf dem Programm stehen neben Dvořáks »Siebter« Ludwig van Beethovens Ouvertüre »Die Geschöpfe des Prometheus« sowie eine eigene Komposition Pendereckis mit dem Titel »Resurrection« – ein Werk, dass der Komponist unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September 2001 komponiert hat und in Bonn von seinem österreichischen Pianisten Rudolf Buchbinder interpretiert wird.

Quellen und Literatur:
Honolka, Kurt: Antonín Dvořák, in: Geschichte der Musik, hrsg. v. Michael Raeburn und Alan Kendall, Bd. 3: Die Hochromantik, München 1993, S. 236-242, hier besonders S. 238f.
Die Beethovenfeste in Bonn 1845-2003. Eine Veröffentlichung des Beethovenhauses und der Internationalen Beethovenfeste Bonn, hrsg. von Manfred van Rey u. a., 2 Bde., Bonn 2003.

Photo: Antonín Dvořák (1882), aus: Geschichte der Musik, Bd. 3, S. 243.

Ad-hoc-Preis des Beethovenfestes Bonn für die beste Stummfilm-Livemusik bei den Bonner Stummfilmtagen

Juryentscheidung 2013

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Das Salz von Swanetien (Georgien 1930), Regie: Michail Kalatosow, Musik: Günter A. Buchwald.

Offensichtlich haben es sich die Jurymitglieder der 29. Internationalen Stummfilmtage Bonn nicht leicht gemacht. Gleich zweimal wurde der Preis für die beste Filmmusik vergeben.

Ein Teil des Preisgeldes geht somit an den Film »Ehegeschichten« von Joachim Bärenz – dem »dienstältesten« Stummfilmbegleiter bei den Bonner Stummfilmtagen.
Die Jury würdigt damit »seine intelligente Art der Musikbegleitung, in der er Zitate aus allen Bereichen der Musikgeschichte in das musikalische Gewebe integriert, diese aber nicht als bloße Zitate und Anspielungen stehen lässt, sondern in einem lebendigen musikalischen und improvisatorischen Prozess bestechend vielseitig weiterverarbeitet und variiert.«

Die Jury möchte mit diesem Preis auch die langjährige Verbindung von Joachim Bärenz mit den Internationalen Stummfilmtagen würdigen und sein langjähriges Engagement mit unzähligen Auftritten dankend auszeichnen.

Den Hauptpreis vergibt die Jury für die Musik zum Film »Das Salz von Swanetien« an Günter A. Buchwald. Die Jury hob bei diesem Film die »musikalische Vielseitigkeit und Virtuosität« hervor, mit der »Buchwald seine Instrumente Violine, Viola und Klavier abwechselnd und gleichzeitig einsetzte, um dem sowjetischen Dokumentarfilm in jedem Moment die passende Musik zu geben.«

Darüber hinaus würdigt die Jury Günter A. Buchwalds beeindruckende Kooperation mit Neil Brand, mit dem er auf der Violine zu den Filmen »Das Feuerross« und »Die Braut vom Daalenhof« improvisierte und im jeweils richtigen musikalischen Idiom den passenden Ton fand.

Der Hauptpreisfilm »Das Salz von Swanetien« mit der Livebegleitung von Günter A. Buchwald wird im Rahmen des Beethovenfestes Bonn am 26. September 2013 in der Post Tower Lounge noch einmal zu sehen sein.

Die Jury bedankt sich ferner bei Stephen Horne, Neil Brand, Richard Siedhoff sowie Norbert Alich für ihre abwechslungsreichen und spannenden Beiträge.

Sirid Limprecht (Bonner Kinemathek, Stummfilmtage Bonn)
Benjamin T. Hilger (Beethovenfest Bonn, Musikwissenschaftler)
Mogens Kragh (Komponist, Songwriter)

 

Aus der Schatztruhe 22 – »Enigma« – eine rätselhafte Sache mit weitreichenden Folgen

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Edward Elgar mit seiner Frau Alice (1889).

Obwohl Ludwig van Beethoven nie seinen Plan einer Englandreise verwirklichte, pflegte er lebendige Beziehungen zu Verlegern und Komponisten auf die britische Insel. Bonner Kontakte wie Johann Peter Salomon hielten als Konzertveranstalter in London Beethovens Werk lebendig. Zahlreiche Werke belegen, wie wichtig das britische Empire für Beethoven war: Seine »Neunte« ist hier sicherlich als Paradebeispiel zu sehen. Auch Beethovens Schlachtensymphonie »Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria« op. 91, dessen Widmungsträger Prinzregent Georg August Friedrich von England ist, legen hiervon Zeugnis ab. Der Komponist verarbeitete darin nicht zum ersten Mal die Melodien von »Rule Britannia« und »God save the King«.
Diesen anglophilen Beziehungen des Bonner Komponisten widmeten sich insbesondere das Beethovenfest 2007 und dessen Motto »Joy«. Kompositionen aus England gelangten bei diesem Festival schwerpunktmäßig zur Aufführung – so auch Werke des Komponisten und damaligen Jubilars Sir Edward Elgar, der am 2. Juni 2007 seinen 150. Geburtstag gefeiert hätte. Das Eröffnungskonzert gestalteten unter der Leitung von Sir Andrew Davis das Philharmonia Orchestra, das neben Elgars Serenade for strings in e-Moll op. 20 auch seine »Enigma Variations« spielten.
Die »Variations on an Original Theme« op. 36 waren angelegt »in a spirit of humour and continued in deep seriousness«, wie Elgar 1911 erklärte. Als der Komponist eines Abends im Oktober 1898 am Klavier improvisierte, lenkte seine Frau Caroline Alice seine Aufmerksamkeit auf ein Thema mit der Frage, was es bedeute. Elgar antwortete: »Nichts, aber man könnte vielleicht etwas daraus machen.« Jenes rätselhafte Thema nannte er schließlich »Enigma«, um damit seine Eigenschaft von etwas Rätselhaftem mit dunklem, ungenauen Ursprung zu betonen. Denn »Enigma« bedeutet so viel wie »rätselhafte Sache«, die anfangs Nichts war, aus der man aber etwas machen könnte. Was der Komponist schließlich aus dem Thema ableitete, wurde zu einem der berühmtesten Variationswerke des 19. Jahrhunderts und verhalf dem Komponisten zu internationalem Durchbruch. Die Entfaltung des Themas besteht aus einer Reihe von Variationen, die 14 Freunde aus Elgars Umfeld beschreiben. Ein Rätsel, das die Enigma-Variationen lange umgab, ist mittlerweile gelöst: nämlich die Zuordnung, welche Variation welchem Freund gewidmet ist. Die wohl bekannteste Variation »Nimrod« ist August Jaeger gewidmet – einem der engsten Freunde Elgars und Förderer von dessen Musik. Der 14. Freund ist Elgar selbst. Das Werk ist somit als eines der subtilsten Selbstporträts der Musikgeschichte zu sehen und fand als Filmmusik Eingang in zahlreiche Hollywood-Filme.
Am 7.9. kommt Thomas Hengelbrock mit seinem NDR Sinfonie- und Jungendsinfonieorchester zum Beethovenfest nach Bonn und präsentiert in einem dreiteiligen Konzertprogramm wichtige Werke der englischen Musikgeschichte. Darunter eben auch Elgars »Enigma-Variationen«, die von Georg Friedrich Händels »Music for the Royal Fireworks« und von Arien Benjamin Brittens, Henry Bishops und Arthur Sullivans umrahmt werden.

Literatur und Quellen:

The New Grove. Dictionary of Music & Musicians, ed. by Stanley Sadie, vol. 6, London a.o.1980, p. 116.
Moore, Jerrold Northrop/Kennedy, Michael: Edward Elgar und Ralph Vaughan Williams, in: Michael Raeburn/Alan Kendall (Hrsg.): Geschichte der Musik, 4 Bd., München/Mainz 1993, hier Bd. 4: Das 20. Jahrhundert, S. 87-101, insbesondere S. 88.
Beethovenfest Bonn: Geschäftsbericht für die Jahre 2004 bis 2007.
Beethovenfest Bonn: Dokumentation der Presse- und Marketingmaßnahmen 2012.
Beethovenfest Bonn: Magazin von 2007.
Die Beethovenfeste in Bonn 1845-2003. Eine Veröffentlichung des Beethovenhauses und der Internationalen Beethovenfeste Bonn, hrsg. von Manfred van Rey u. a., 2 Bde., Bonn 2003.

Photo: Edward Elgar mit seiner Frau Alice (1889), aus: Michael Raeburn/Alan Kendall (Hrsg.): Geschichte der Musik, Bd. 4, München/Mainz 1993, S. 89.

29. Internationale Stummfilmtage Bonn

Ein Beitrag von Benjamin T. Hilger, Mitarbeiter im Künstlerischen Betriebsbüro des Beethovenfestes Bonn und Jurymitglied der 29. Internationale Stummfilmtage Bonn

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Sommerkino im Arkadenhof der Universität Bonn © Michael Sondermann, Stadt Bonn

Zum 29. Mal haben am 8.8. im Arkadenhof der Universität das Bonner Sommerkino beziehungsweise die Internationalen Stummfilmtage Bonn begonnen; »erst« zum dritten Mal vergibt das Beethovenfest Bonn in Kooperation dieser bedeutenden »Säulen« des Bonner Kulturlebens den ad-hoc-Preis für die beste Livemusikdarbietung bei den Stummfilmtagen. Stummfilm ist eine eigentlich unzutreffende Bezeichnung, denn Filmvorführungen waren niemals stumm – das frühe Filmmaterial besaß lediglich keine Tonspur, woraus der zentrale Unterschied zum heutigen Film resultiert: Jede Handlung, jede Emotion muss allein mimisch und gestisch dargestellt werden – eine Herausforderung für Schauspieler, die Kraft ihrer Stimme und durch die Macht des Wortes zu spielen gewohnt sind. Das »gesprochene« Wort wird – sofern zur Erklärung unvermeidlich – nur in eingeblendeten Zwischentiteln hinzugezogen. Die Musik als drittes Medium ist hingegen omnipräsent: Ihr Ziel ist, in präziser Abstimmung mit den Bildern des mimischen und gestischen Spiels, die Emotionen klanglich zu transportieren – ganz gleich ob das Spiel gerade von Freude oder Leid, Sieg oder Niederlage, Triumph oder Misserfolg handelt.
Da die musikalische Ebene des Stummfilms eine erstaunliche Vielfalt zu bieten hat – vom einzelnen Pianisten, über Multitalente an mehreren Instrumenten bis hin zu kleinen Ensembles –, hat das Beethovenfest Bonn den ad-hoc-Preis ausgelobt, um das zu fördern, was heute nur noch selten zu erleben ist: live erzeugte Filmmusik. Deshalb sehen und hören meine Jurykollegin Sigrid Limprecht, Leiterin der Bonner Kinemathek und der Stummfilmtage, Mogens Kragh, freier Komponist und Songwriter, und ich uns jede Film-Musik-Vorführung kritisch an, um am Ende das eindrucksvollste Gesamtergebnis zu küren. Dabei geht es nicht um den besten Film oder die virtuoseste Musik! Die Mischung muss stimmen, die feinsinnige Abstimmung der Klänge auf die Bilder – und das in der spontanen Kunstform der (obgleich zumeist vorbereiteten) Improvisation, die keine Retuschen erlaubt und in der es für die Musiker durchaus Überraschungen geben kann, auf die sie reagieren müssen.
Wir freuen uns darauf, nach einem eindrucksvollen Auftakt mit Musik des letztjährigen Preisträgers Stephen Horne, die weiteren Beiträge zu hören und am Ende das überzeugendste Ergebnis mit der Ehre des Preises, 2000 Euro und einem Auftritt im Rahmen des Beethovenfestes Bonn am 26. September 2013 in der Post Tower Lounge zu ehren.

Aus der Schatztruhe #21 – »Rheinromantik« beim Beethovenfest Bonn

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Am Rhein bei Nonnenwerth, Landschaftsbild von Julius Lange, 1850.

1874 entstanden und 1878 bis 1880 tiefgreifend umgearbeitet ging die Vierte Symphonie Anton Bruckners als »Romantische« in die Musikgeschichte ein. Bruckners wohl populärstes Werk wurde zusammen mit der Siebten noch zu Lebzeiten des Komponisten von allen Symphonien am häufigsten aufgeführt und schon der Uraufführung am 20. Februar 1881 war ein großer Erfolg beschieden. Doch was verstand Bruckner, der sein Werk selbst als »Romantische«betitelte, unter diesem Begriff? Einflüsse, insbesondere Richard Wagners »romantischer Oper« Lohengrin, spielen hierbei eine wichtige Rolle. Für Bruckner gilt sie als Inbegriff der Romantik und er verband damit die Vorstellung des Wunderbaren, Geheimnisvollen, aber auch zutiefst Religiösen und Reinen. Besonders der erste Satz folgt der Vorstellung einer romantischen Gedankenwelt, die typischerweise im Mittelalter angesiedelt ist: Eine »mittelalterliche Stadt«, die in der »Morgendämmerung« erwacht. Ihre Stadttore öffnen sich und auf »stolzen Rossen sprengen die Ritter hinaus ins Freie, der Zauber der Natur umfängt sie […]«. Vergleicht man Regieanweisungen aus »Lohengrin« und »Siegfried« wird die Parallele deutlich.
Beim Beethovenfest Bonn gehört das Werk – trotz seiner Popularität – zu den weniger gespielten Kompositionen. Erstmals 1992 durch die Wiener Philharmoniker unter der Leitung Claudio Abbados aufgeführt, wird die Vierte Symphonie 2013 im Rahmen des Beethovenfestes nun zum vierten Mal dem Bonner Publikum präsentiert. Thomas Hengelbrock kommt mit seinem NDR Sinfonieorchester am 8.9. mit der Erstfassung von 1874 nach Bonn. Gibt es einen besseren Ort als diesen am Rhein gelegenen, um das hochromantische Werk aufzuführen? So reflektiert der Begriff »Rheinromantik« jene Stimmung, die der Fluss in zahlreichen Schriftstellern und Künstlern der romantischen Epoche hervorrief.

Literatur:
– Die Beethovenfeste in Bonn 1845-2003. Eine Veröffentlichung des Beethovenhauses und der Internationalen Beethovenfeste Bonn, hrsg. von Manfred van Rey u. a., 2 Bde., Bonn 2003.
– Floros, Constantin: Anton Bruckner, in: Geschichte der Musik, hrsg. v. Michael Raeburn und Alan Kendall, Bd. 3: Die Hochromantik, München 1993, S. 211-223, hier besonders: S. 218f.

Otto Sauter und „Ten of the Best“ mit ihrem „Richard Wagner Project“ am 30.08. auf dem Kunst!Rasen Bonn

Otto Sauter &Ten of the Bes tFriends_c_Sabine Kierdorf 2013

„Tristan meets Isolde in Harlem“ und „Parsifal goes la Habana“

„Die Musik ist die Leidenschaft, die Liebe und die Sehnsucht selbst“, so Richard Wagner. Diese „Leidenschaft, Liebe und Sehnsucht“ aus Wagners Opern ist geradezu beispielhaft spürbar in Otto Sauters „Richard Wagner Project“.

Otto Sauter, der international renommierte Piccolo-Trompeter, gründete 1991 sein Ensemble „Ten of the Best“ mit zehn der führenden Trompeter der Welt. Das Ensemble zeichnet sich besonders durch faszinierende Arrangements aus Klassik, Jazz und Pop aus, die normalerweise nicht auf dem Programm jedes einzelnen der Trompeter stehen. Genau dies macht auch ihren Spaß aus, wenn sie das Publikum in ihren weltweiten Konzerten mit raffinierten Bearbeitungen und Cross-Over im besten Sinne begeistern.

Zum 200. Geburtstag von Richard Wagner nehmen „Otto Sauter & Ten of the Best“ den Meister mit auf eine spannende Reise um die Welt. „Wir verschmelzen die Musik aus seinen weltbekannten Opern mit den Elementen populärer Musik der musikalischen Metropolen Sevilla, Havanna, Rio und New York, um sie dadurch einem breitgefächerten internationalen Publikum zugänglich zu machen. Wenn man die Musik von Wagner kennt, hört man sie in jedem Takt. Wenn man sie nicht kennt, ist es einfach nur faszinierende Musik“, so Sauter.

Wie bei früheren Produktionen stammen die Arrangements von Arrangeuren aus Deutschland und den USA, die zu den ganz großen dieses Metiers in der Welt gehören. Jeder der Titel, hat dabei seine Eigenart, sein besonderes Klangbild, sein unverwechselbares Kolorit, getragen von der Euphorie des Bombastischen.

Die Besetzung wie immer außergewöhnlich: Zehn der führenden Trompeter der Welt wie der erste Trompeter der Wiener Staatsoper, des Radio Sinfonie Orchesters Prag, der Royal Stockholm Opera, der Göteburger Sinfoniker sowie renommierte internationale Solisten aus Europa, den USA und Südamerika werden ergänzt durch drei Vocals, zwei Gitarren, Klavier, Keyboard, Bass, Percussion, Schlagzeug und Streicher in prominenter Besetzung wie Marius Müller Westernhagen-Gitarrist Markus Weinstroer und James Last-Percussionist Pablo Escayola. „Das älteste, echteste und schönste Organ der Musik, das Organ, dem unsere Musik allein ihr Dasein verdankt, ist die menschliche Stimme“, sagte Richard Wagner. Sauter: „Für mich ist das schönste Organ natürlich ohne jeden Zweifel die Trompete, aber seinem Gedanken Folge leistend, habe ich zu diesem Projekt zum ersten Mal drei fantastische Sänger eingeladen, den Countertenor Edson Cordeiro, der in Brasilien ein Superstar ist, den New Yorker JazzSänger Kenneth Norris und die Hamburger Jazz-Sängerin Ulita Knaus“.

Erzeugt wird so ein Sound, der von der Raffinesse des Spiels der Trompeter und dem Schmelz von Vocals, Gitarren, Klavier, Keyboard und Streichern geprägt wird – plastisch, dynamisch, schwelgerisch und mitreißend.

Der Reiseauftakt findet in New York statt – „Tristan meets Isolde in Harlem“ – und mit ihr den Swing dieser rund um die Uhr pulsierenden Weltmetropole. Ein wagnerianischer Walkürenritt mit Soul, Gospel und Blues bis zur 125. Straße muss zwangsläufig im Bigbandsound der 50er Jahre enden. Bei nächtlichen Streifzügen durch die Clubszene ist es dann auch nicht verwunderlich, dass Wagner auch mit Hip Hop-Beats funktioniert.

Nächste Station der musikalischen Weltreise ist Cuba – „Parsifal goes La Habana“ – wo Wagnerthemen in der heißen Luft der Karibik tanzen. „Parsifal goes Mambo, Rumba, Bolero und Salsa“. Er lässt die Musik seines Schöpfers spielerisch, melodisch-tropical erscheinen und voll südamerikanischer Lebensfreude sprühen.

Dritte Station ist Spanien – „Siegfrieds Olé in Spain“ – mit seinen sonnigen Flamencoklängen, Jota oder dem feurigen Pasodoble. Stellvertretend für den Meister selbst, feiert Siegfried auf seiner Reise durch die spanischen Lande eine andalusische Zigeunerhochzeit und genießt die Sonnenuntergänge an der spanischen Mittelmeerküste mit großartigen Klanggemälden.

Den Abschluss der Reise bildet „Parsifal‘s trip to Brazil“. Hier trifft Wagners Musik in Rio de Janeiro und São Paulo auf Samba, Bossa Nova und Pagode. Die Meistersinger von Nürnberg mit dem rhythmischen Gefühl des Sambas zu verbinden, lässt bei den Brasilianern eine Leidenschaft aufkommen, wie man sie nur vom Fußball kennt. Der Welthit ,Mas que nada‘ erhält neue Impulse durch die Symbiose mit Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ und lässt diesen in neuem Samba-Funk Licht erscheinen.

Damit aber ist die musikalische Weltreise noch lange nicht beendet. Für Otto Sauter und seine zehn Trompeter ist die Station auf dem Beethovenfest eine „unvollendete“. Otto Sauter über die Zukunft des Ensembles: „Unsere Perspektive ist es, die beste Musik der Welt für ein breites Publikum neu zu erschließen und damit die Menschen, egal wo auf der Welt, auch für die klassische Musik zu begeistern. Nächste Station für uns wird unsere Mexico-Tournee im November sein.“

Von Sabine Kierdorf

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