»DER HIMMEL WEISS, WIE ES WEITERGEHEN WIRD!« (Beethoven) Nr. 9

WEISS ER DAS? Fragen zu Ludwig van Beethovens Oper »Fidelio« von Jan Müller-Wieland

Jan Müller-Wieland: Die Französische Revolution vernetzt Beethoven mit Büchners »Dantons Tod«, worin es heißt: »Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott!« Hören Sie in »Fidelio« auch derartige Subversion und derartigen Nihilismus? Oder hatte Büchner – der gleichaltrig war mit Wagner – bereits einen kälteren Blick auf die Französische Revolution?

Evgeny Nikitin: Bei Beethoven gibt es gar keinen »Theonihilismus«. (Gottesnihilismus). Das haben wir ja schon besprochen. Glühender Glauben, der beim Kampf gegen die Tyrannei hilft: was hat das mit Nihilismus zu tun? Büchners These dagegen riecht nicht nur nach Nihilismus, sondern nach Atheismus. Wenn Gott nach Büchner noch gar nicht geboren ist – dann das heißt das doch im Umkehrschluss, es gibt gar keinen Gott. Und wenn der «zu gebärende Gott» ein Nichts ist, so kann man Büchner auch folgenderweise deuten: «es gibt keinen Gott und es wird auch nie einen geben»

Jan Müller-Wieland: Um 1968 meinte Hans Werner Henze, Musik sei »nolens volens politisch«. Wie halten Sie es damit in Bezug auf »Fidelio«?

Detlef Roth: Das würde voraussetzen, dass jeder Komponist und auch Librettist ein politischer Mensch ist, aber nicht nur das: auch die ausführenden Musiker. Sicher kann das gerade bei einer »Freiheitsoper« der Fall sein; bei »Fidelio«  würde ich sogar zustimmen … Allerdings ist durch die Brisanz des Stoffes Beethoven – ob er wollte oder nicht – zum politischen Menschen und somit Komponisten geworden. In der heutigen Zeit der politischen Übersättigung und des politischen Verdrusses ist es mir nicht klar, ob die politische Aussage eines musikalischen Werkes durch die Interpreten immer klar hervortreten kann und soll. Wir leben heute in einer Welt der Stromlinien.

Evgeny Nikitin: Unbedingt. Musik ist ein mächtiges Instrument politischer Propaganda. Deswegen entwickelt sich die Musik immer parallel zur politischen Situation im jeweiligen Lande – ob es eine Zeit der Veränderungen oder aber der politischen Stagnation ist. Ein anderes Thema ist der Wille. Beethoven war eine dermaßen willensstarke und überhaupt starke Person, dass er wohl kaum je eine Aussage getätigt hätte, die gegen seine Überzeugungen ginge. Sonst wäre es nicht Beethoven. Deswegen funktioniert Henzes Maxime nicht bei Beethoven.

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