»DER HIMMEL WEISS, WIE ES WEITERGEHEN WIRD!« (Beethoven) Nr. 5

WEISS ER DAS?  Fragen zu Ludwig van Beethovens Oper »Fidelio« von Jan Müller-Wieland

Beethoven: »Schade, daß ich die Kriegskunst nicht so verstehe wie die Tonkunst, ich würde ihn (Napoleon) doch besiegen.« Spüren Sie diesen Furor in der Musik? Oder wäre das zu einfach?

Detlef Roth: Den Furor spürt man in Beethovens Musik immer – man schaue sich die Autographen an: Bei Beethoven wirkt alles »Entstehen« wie ein Kampf. Napoleon war in jenen Tagen politisch sicher das Mass aller Dinge, er wirkt ja bis heute noch in unser tägliches Leben hinein (siehe z. B. BGB), Beethoven tut das auf seine Weise ebenfalls (siehe neunte Symphonie – Europahymmne). Mir persönlich sind (vor dem Hintergrund meiner Generation und des Glückes immer im Frieden gelebt zu haben) kriegführende Menschen eher unsympathisch und ich bin froh, dass Beethoven bei seinen »Leisten« geblieben ist.

Evgeny Nikitin: Wie jedem Künstler war Beethoven Selbstüberschätzung, Eitelkeit und Egozentrismus nicht fremd, das hat er mit vielen Genies gemeinsam. In der Musik würde ich seine Figur eher mit Friedrich dem Großen vergleichen. Ob er aber Napoleon besiegt hätte, wenn er gegen ihn hätte kämpfen müssen, halte ich für sehr fraglich.

Beethoven: »Der Himmel weiß, wie es weitergehen wird!  Welch ein zerstörendes, wüstes Leben um mich her! Nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend in aller Art!« Ist – gemessen an dieser Verzweiflung – »Fidelio« nicht geradezu auch eine Art Groß-Pastorale mit Singstimmen?

Detlef Roth: Ich finde, dass durchaus harsche musikalische Elemente im »Fidelio« zu finden sind – außerdem halte ich es keineswegs für widersprüchlich, wenn sich auch ein Komponist in schwierigen Zeiten auf menschliche Ideale besinnt und konzentriert – ein Ideal propagiert. Gesellschaftskritik gibt es im »Fidelio« zur Genüge, die Sehnsucht nach einer besseren Welt (vielleicht auch häuslicheren Welt als Keimzelle und Ruhepol) scheint mir durchaus nachvollziehbar und menschlich. Der Begriff »Groß-Pastorale« ist mir zu negativ belegt.

Evgeny Nikitin: Einverstanden. Das ist eher eine Abkehr von der Realität, ein Rückzug in die Verklärung menschlicher Beziehungen, ein Sieg der Gerechtigkeit, Triumph des Lichtes über die Dunkelheit etc. So wurde aus den Schrecken des Krieges, aus Blut und Gewalt eine neue Epoche geboren – die Romantik, deren Schlüsselfigur Beethoven ist. Realitätsnäher sind seine Symphonien und Sonaten.

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