Beethoven und die Sterne – Teil 2

…und heute der zweite Teil des Beitrags „Beethoven und die Sterne“ unseres künstlerischen Leiters Tilman Schlömp:

Kurz nach dem Beethoven sich mit Joseph Littrow beschäftigt hatte, entstand das „Abendlied unterm gestirnten Himmel“ WoO 150.

Auch dort strebt die Seele nach Höherem:

„Wenn die Sterne prächtig schimmern, Tausend Sonnenstrassen flimmern fühlt die Seele sich so gros windet sich vom Staube los.“

Mit dem Staub hatte Beethoven auch so seine Erfahrungen gemacht. Denken wir an all die Bitt- und Bettelbriefe, die er schrieb, weil er es musste, weil es immer wieder Geldsorgen gab. Man kann sich vorstellen, wie mühsam er das irdische Leben empfunden haben musste, und wie unendlich groß und frei ihm der Sternenhimmel vorkommen musste.

Aber Staub gibt es auch hinter den Sternen.

Und Freiheit? Heute haben wir da kaum noch Illusionen. Nicht „über den Wolken“ ,sondern „hinter den Sternen“ soll es Freiheit geben? Wirklich? Nein, nicht mal dort. Hinter den Sternen ist der Weltraummüll. Kein Platz für Sehnsucht. Aber eigentlich möchten wir doch heute genauso träumen wie Beethoven damals. Und warum auch nicht. Hören wir also weiterhin die Neunte, diesen musikalischen Weltentwurf eines großen Sozialutopisten: „Brüder, überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen.“ Wenigstens dort. Oder, kaum weniger pathetisch: „Komm, Hoffnung, laß den letzten Stern der Müden nicht erbleichen!“ singt Leonore im „Fidelio“. Und sei es nur, damit wir unser tägliches Handeln an dieser Utopie messen.

Ein kleiner Seitenblick, sozusagen am Okular vorbei, sei hier noch erlaubt: die globale Verbrüderungsgeste Beethovens und Schillers sah in der ersten Fassung der „Ode an die Freude“ (die Beethoven so freilich nicht vertont hat) noch ganz anders aus: „Bettler werden Fürstenbrüder“
 formulierte Schiller damals, 1785, also noch vor der französischen Revolution. Vor der hehren Weltanschauung des Idealisten stand also zunächst mal die des Materialisten Schiller, der die wahren sozialen Mißstände seiner Zeit nur zu gut kannte. „Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten“  hätte Heinrich Heine bekräftigt. Aber zum Straßenkämpfer taugte Beethoven nicht. So vertonte er lieber die zweite, abgemilderte Fassung von Schillers Ode, und wir dürfen uns weiter am allumfassenden Traum von Sternen und Brüderlichkeit freuen. Beides hat ja irgendwie mit Europa zu tun uns ist in Zeiten globaler Krisen aktueller und nötiger denn je.

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Ein Gedanke zu „Beethoven und die Sterne – Teil 2

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